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ader verhorter, williger gedanck widder das gesecze gotis offenlichen ader vszlegelichen, d. h. alle Sünden, die sich auf die zehn Gebote zurückführen lassen, sind Todsünden.
Damit spricht Wolff etwas Ahnliches aus, wie Luther, als er in den Fasten 1517 im Anschluss an die zehn Ge- bote auch über die Todsünden predigt: nullum est peccatum, nisi quod contra praeceptum sit dei. Dabei stellt auch er den Grundsatz auf: ad illa— scil. decem praecepta— reducenda sunt tam multa genera peccatorum; und polemi- siert aufs schärfste gegen diese zahllosen Sündenregister: Nescio.. an confessuris expediat tot differentiis peccatorum memoriam onerare et sacerdotem fatigare, ut sunt: 1. omissio et commissio, deinde corde, ore, opere, 3. quinque sensus, 4. sex opera misericordiae u. s. w. Obsecro, quid prodest ista confusio et distractio mentis? Ita haec ob- servantur, ut etiam necessarium existiment nomina differen- tiarum et distinctionum numerare, ad perdendum scilicet tempus, ad obtundendum confessorem, ad perturbandum scipsum, ut maiore cura horum memoriam laboret quam contritionem meditetur, item ad alios etiam impediendum. Ex ignorantia docentium iste tumultus cenfessionum natus est, cum confessio debeat esse brevis et aperta, ut cito possit expediri uterque(Weim. Ausg. I, 516 f., Erl. Ausg. op. lat. XII, 209 ff.).
Luther hat dann mit diesen Gedanken entschiedenen Ernst gemacht. In der kurzen Erklärung der zehn Gebote (1518) weist er in ganz ähnlicher Weise, wie Wolff, nach, dass alle Beichtstücke im Dekalog sich wiederfinden, dass die fünf Sinne eingeschlossen werden im fünften und sechsten Gebot, die sechs Werke der Barmherzigkeit im fünften und siebenten, die sieben Todsünden: Hoffart im ersten und zweiten, Unkeuschheit im sechsten u. S. w.(Weim. Ausg. I, 254, vgl. 262 und VII, 211 f.; Erl. Ausg. 22, 12 und op. lat. XII, 225). In der kurzen Unterweisung, wie man beichten soll(1519) warnt er den Menschen, der beichten will, dass er die weitläuftigen und mannigfaltigen Unter- schiede der Sünde lasse fahren, dass er sich allein der Gebote Gottes befleisse, sie für sich nehme und übersehe, seine Beichte darauf ordne und kurz mache; denn wenn man die zehn Gebote Gottes recht ansieht, so findet man darin, wie Gott von uns durch allerlei Sünde ist übergeben, verachtet und erzürnt worden(Weim. Ausg. II, 60; Erl. Ausg. 21, 247). Damit hat Luther ein für alle mal jene Produkte der mittelalterlichen Beichtpraxis aus dem reli-


