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Zwillinge : Einführung in die Zwillingsforschung / von Reinhold Lotze
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Die allgemeine Bedeutung der Zwillingsforschung

Befruchtung sind nicht nur die körperlichen, sondern ebenso auch die seelischen Anlagen des neuen Menschen festgelegt. Das Seelische ist ein immanenter, vom Körperlichen nicht abzulösender Bestandteil des Lebens und keine übernatürliche, über dem Körper stehende Wesenheit,

Die Zwillingsforschung im engeren Sinn hält sich natürlicherweise von Fragen metaphysischer Art fern; sie führt aber unmittelbar an die Grundfrage alles Mensch- lichen heran, an die Frage, was und wieviel am Menschen durch die Kräfte des Erbguts gegeben ist und was äußere Einflüsse an dem wesensmäßig gegebenen Kern formen können. Wie die Forschung diese Frage angreift, und welche Ergebnisse im einzelnen gewonnen werden konnten, ist ja ausführlich berichtet worden. An dieser Stelle soll nur nochmals kurz zusammenfassend dargestellt werden, was die Zwil- lingsmethode bisher an wesentlichen neuen Einsichten gebracht hat.

Die Zwillingsforschung ermöglicht die Entscheidung, ob und wie weit die Aus- prägung eines Merkmals als erblich oder umweltmäßig bestimmt anzusehen ist. Aus den Unterschieden, die bei zwei EZ auf Grund der Einwirkung verschiedener Um- welteinflüsse entstehen können, ergibt sich die Modifikationsbreite einer Erbanlage auf körperlichem oder seelischem Gebiet. Aus der Erscheinung, daß die einen Merk- male mehr, die anderen weniger durch Umwelteinflüsse abgeändert werden können, folgt die Erkenntnis, daß die Erbanlagen in verschieden starkem Maße auf solche Einflüsse reagieren; es gibt umweltstabile und umweltlabile Merkmale in allen Ab- stufungen. Der Vergleich von Zwillingen verschiedener Altersstufen läßt erkennen, in welcher zeitlichen Folge die Gene die Außenmerkmale zur Ausprägung bringen; die Zwillingsmethode ist damit die Methode der erbbiologischen Entwicklungs- physiologie.

Bei einer Reihe von Krankheiten konnte erst durch die Zwillingsmethode der schlüssige Entscheid herbeigeführt werden, ob die Krankheit vorwiegend erbmäßis oder umweltmäßig bestimmt ist, So wurde die starke erbliche Bedingtheit der Tuber- kulose, der Rachitis, der Kurzsichtigkeit nachgewiesen, während sich für den Kropf und die multiple Sklerose zeigte, daß sie als umweltbedingt anzusehen seien. Eine ganz besondere Bedeutung kommt der Zwillinssmethode für die Erforschung der Manifestation von Erbanlagen zu; ihre Leistung auf diesem Gebiet kann von keiner anderen Methode menschlicher Erbforschung ersetzt werden. Die Erbgleichheit von EZ macht es weiterhin möglich, aus verschiedenen Ausprägungen einer Erbkrank- heit bei zwei EZ zu erkennen, auf welche Weise sich die Erbanlage auswirken kann; dadurch ist es möglich, die Gesamtheit der Symptome der Krankheit klar zu er- fassen und der gleichen genischen Grundlage zuzuordnen.

Alle aufgeführten Erkenntnisse zusammen vertiefen unsere Einsicht, was Erbgut und Umwelt überhaupt bedeuten. Ihre Wirkungen können nicht säuberlich vonein- ander getrennt werden, sondern sind unauflösbar miteinander verbunden. Keine Erb- anlage entwickelt sich ohne entsprechende Umwelteinflüsse und kein Umwelteinfluß vermag etwas hervorzubringen, was nicht im Erbgut vorgebildet ist. Damit schwächt sich der Gegensatz zwischen Erbkrankheiten und Umweltkrankheiten erheblich ab: alle Krankheiten sind Glieder einer stetigen Reihe; sie sind als das eine oder das andere zu bezeichnen; je nachdem für ihre Entstehung der eine oder andere Ein- fluß stärker ist. Wenn die Wissenschaft aus der Beobachtung an EZ noch mehr als bisher lernt, die manifestationsfördernden und-hemmenden Umwelteinflüsse zu er- kennen, so wird auf diese Weise die Möglichkeit gegeben sein, in günstigen Fällen die Manifestation einer krankhaften Erbanlage zu verhüten. Damit ist ein ärztliches Handeln auch bei solchen Krankheiten möglich, die vorwiegend erblich bestimmt sind; in gewissem, für jede Krankheit verschiedenem Umfang könnten dann auch sie verhütet werden,