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Zwillinge : Einführung in die Zwillingsforschung / von Reinhold Lotze
Entstehung
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Einleitung 5

Wer ist wahrer Mensch und wer Erscheinung?

Wer entziffert sie? Shakespeare.

Das Bewußtsein, daß das Naturgeschehen Regeln und Gesetzen folgt, ist tief im menschlichen Geist verwurzelt. Daß beim Menschen die Frau jeweils nur einem Kind das Leben schenkt, ist die Regel, das Gewohnte, Der primitive Mensch nimmt das hin, ohne sich über die Regel weitere Gedanken zu machen. Die Wissenschaft zeigt, daß die Regel insofern sinnvoll ist, als die Einfrüchtigkeit des Menschen auch im natürlichen Lebenskampf völlig genügt, um die Art zu erhalten; so ist auch der Organismus der Frau für die Einfrüchtigkeit eingerichtet, Nun weicht aber die Natur nicht allzu selten von ihrer Regel ab und läßt immer wieder zwei oder gar mehr Kinder gleichzeitig ins Leben treten. Beim primitiven Menschen erregt dies ein tiefes Sich-Wundern; die Abweichung von einer so klaren Regel, daß eine Menschen- frau nur ein Kind zur Welt bringe, kann er sich nicht anders als mit übernatürlichen Ursachen erklären, Die Völkerkunde zeigt, wie Menschen aller Erdteile in merk- würdiger Übereinstimmung glauben, daß zum mindesten das eine der beiden Zwil- lingskinder keinen menschlichen Vater habe, sondern göttlich-dämonischen Ur- sprungs sei. Aus diesem Glauben erwachsen zwei gegensätzlich verschiedene Hal- tungen zu den Zwillingen, Bei den einen Völkern und Stämmen schreibt man ihnen auf Grund ihres Ursprungs übernatürliche Kräfte zu, hält sie heilig und erweist ihnen und den Eltern höchste Ehren, Bei den anderen gilt eine Zwillingsgeburt für ein schweres Unglück und eine tiefe Schmach für die Mutter, Das kann so weit führen, daß die Zwillinge samt ihrer Mutter getötet werden. Beide Haltungen be- rühren sich nahe, ja können einander übergehen.

Das Staunen über das Wunder der Zwillingsgeburt ließ Zwillinge in den Mythus eingehen, Osiris und Isis sind Zwillinge und als solche schon im Mutterleib auch Gatten. Eine ganz besondere Bedeutung haben Zwillingsgötter in den Religionen der indogermanischen Völker. Bei den alten Indiern genossen die Asvins, die himm- lischen Reiter, vom Himmel gezeugte Zwillingsbrüder, höchste Verehrung. Ormuzd und Ahriman in der Religion der alten Perser, die das Licht und die Finsternis, das Gute und das Böse schlechthin verkörpern und in ewigem Kampf miteinander leben, sind Zwillinge wie in der germanischen Mythologie der lichte, liebliche Baldur und der blinde, häßliche Hödur, der ihm den Tod gibt. Zwillinge sind auch Apollo und Artemis, die Dioskuren Kastor und Pollux, Romulus und Remus, wie Hengist und Horsa.,

Und heute? Die alten Mythen haben ihren Zauber verloren. Unsere Zeit der Naturwissenschaft will zuerst kühl, sachlich und unvoreingenommen die Wirklich- keit sehen. Und eben in dieser Zeit und in diesem Sinn haben Zwillinge von neuem eine ungeahnte Bedeutung gewonnen, Wir wollen in erster Linie sehen, richtig sehen. Was wir nun an Zwillingen sehen können, ist folgendes:

Wir finden Zwillinge sie sind immer gleichen Geschlechts, die sich gleichen wie ein Wassertropfen dem andern, Sie zeigen eine Ähnlichkeit, die bis zur rest- losen Gleichheit, zur völligen Identität gehen kann, Die anderen Zwillinge sie können gleichen oder verschiedenen Geschlechtes sein gleichen sich in dem- selben Maß wie gewöhnliche Geschwister; sie können Familienähnlichkeit zeigen oder so stark voneinander verschieden sein, daß niemand glauben würde, daß sie zur gleichen Zeit von der gleichen Mutter geboren wurden,