Einleitung
Über das wundert sich nun auch der Mensch des neunzehnten Jahrhunderts, Das Sich-Wundern ist aber noch immer der erste Anstoß zu geistigem Fortschritt ge- wesen, Was ist verwunderlicher? Merkwürdig und das Staunen herausfordernd ist es, daß zwei Kinder, die im Mutterleib vereint waren, später zu schärfsten Gegen- sätzen sich entwickeln können. Noch stärker wirft uns aber die andere Art von Zwillingen aus dem Geleise, Tausendfältige Beobachtung am Menschen lehrt uns sonst, daß jeder Mensch etwas Einzigartiges und Unwiederholbares ist, daß alle Menschen ohne Schwierigkeit voneinander unterschieden werden können, Hier führt uns aber das Leben Wesen in den Weg, die oft nicht einmal von den ihnen am nächsten verbundenen Menschen unterschieden werden können, Das erregt zunächst unsere Heiterkeit und gibt zu den drollissten Verwechslungen Anlaß; Zwillings- witze sind uralt und unsterblich. Die restlose, verwirrende Ähnlichkeit zweier solcher Menschen läßt aber auch ein Gefühl des Unheimlichen aufsteigen, weckt ein instinktives, unerklärliches Schauern. Was für eine dunkle Macht hat die beiden so ununterscheidbar gleich geprägt?
Dieser ganz unmittelbar sich einstellende, unerhört starke Eindruck hat nun heute die Wissenschaft auf den Plan gerufen. Die von der Regel abweichenden Fälle sind ihr noch immer die fruchtbarsten gewesen; an ihnen kann sie anpacken und tiefer schürfen. Heute spielen Zwillinge in der Wissenschaft vom Menschen eine ähnlich bedeutungsvolle Rolle wie einst Zwillingsgötter in den mythischen Vor- stellungen altindogermanischer Religionen. Die Untersuchung und Vergleichung von Zwillingen ist ein einzigartiger Weg geworden, um mit exakt naturwissenschaft- licher Methode ins innerste Wesen des Menschen einzudringen, die Kräfte bloßzu- legen, die sein Werden und Sein bestimmen. Es gibt heute in der Biologie des Menschen kaum ein packenderes und erregenderes Gebiet als die Zwillingsforschung. Vorurteilslose Wissenschaft führt hinein in tiefste menschliche Bezirke, nüchterne biologische Forschungsarbeit vermittelt erschütternde Erlebnisse, die weltanschau- ungsbildend wirken müssen,
I. Die Biologie der Zwillingsbildung
1. Die normale Keimesentwicklung
Jede Beschäftigung mit einer Vielzahl von Zwillingen führt in kurzer Zeit zu der Erkenntnis, daß zwei Gruppen von Zwillingspaaren unterschieden werden müssen: Solche, die eine nahezu vollkommene Ähnlichkeit zeigen, und andere, deren Ähn- lichkeit nicht größer ist, als sie auch sonst zwischen Geschwistern besteht. Die beiden Gruppen sind klar voneinander geschieden, und es kann von vornherein kaum ein Zweifel bestehen, daß sie verschiedenen biologischen Vorgängen ihre Entstehung verdanken müssen. Auf welche Weise entstehen nun die beiden ArtenvonZwillingen?
Um die Entstehung von Zwillingen in ihrem Wesen verstehen zu können, ist es notwendig, zuerst die normale Keimesentwicklung des Menschen kennen zu lernen.
Die Entwicklung des Menschen nimmt ihren Ausgang von der Vereinigung einer männlichen Keimzelle, der Samenzelle(Spermatozoon, Spermium), mit einer weiblichen Keimzelle, dem menschlichen E i. Die männlichen Keimzellen bilden sich in der männlichen Geschlechtsdrüse, dem Hoden. Die Samenzellen des Menschen haben eine Länge von etwa'/,, mm; sie bestehen aus einem breiten, abgeplatteten Kopf, einem kurzen Halsstück und einem langen Schwanz. Der Kopf enthält nur Kernsubstanz; diese ist die stoffliche Grundlage der Vererbung. Eine Samenzelle ist eigentlich nichts anderes als ein aktiv beweglicher Transportapparat für diese


