168 Zwillinge in der Dichtung— Die allgemeine Bedeutung der Zwillingsforschung
gewußt, was der andere wollte. Die psychologische Schilderung der beiden Zwil- linge und ihrer Entwicklung ist unerhört echt und lebenswahr. Auf dem Grunde ihrer völligen charakterlichen Gleichheit zeigen sie in ungemein bezeichnender Weise leichte modifikatorische Verschiedenheiten, Das beste, was über die Art der Gestal- tung der Zwillinge durch den Dichter gesagt werden kann, ist von Por ausgesprochen worden:„Julian und Isidor Weidelich könnten in Lanses Buch über Verbrechen als Schicksal geradezu als Musterbeispiel eines Studienobjektes verwendet werden. In solchem Grade aus dem Leben abgeschrieben wirkt Kellers Schilderung der beiden betrügerischen Zwillingsnotare,”‘ Wohl spielt auch bei Keller der Humor eine Rolle, so in der reizenden nächtlichen Szene, in der die Bräute„die Ohrläppchen her!” kommandieren müssen, um ihre Liebsten an ihren spiegelbildlich verteilten Ohr- mißbildungen unterscheiden zu können. Die Grundeinstellung Kellers ist aber die des starken, wissenschaftlich zu nennenden psychologischen Interesses, des mensch- lichen Beeindrucktseins von der schicksalsmäßigen Gleichheit zweier Menschen auf Grund ihrer gleichen Erbanlage.
Noch ein anderes Gefühl leitet Wilhelm von Scholz in„Perpetua, der Geschichte der Schwestern Katharina und Maria Breitenschnitt. Im mittel- alterlichen Augsburg wachsen die mit übersinnlichen Fähigkeiten begabten Zwillinge als Töchter eines kleinen Handwerkers auf. Das Schicksal führt die beiden gleich- veranlagten verschieden: Maria geht ins Kloster, Katharina wird als Hexe ver- urteilt. In der Stunde vor dem Feuertod vertauscht aber die Nonne mit der be- wußtlosen Schwester das Gewand und geht für sie auf den Scheiterhaufen. Katharina erwacht im Kloster und wird dort nach langer und schwerer Zeit seelischer Er- schütterung, ohne daß der Tausch der Persönlichkeiten offenbar geworden wäre, zur wundertätigen Heiligen Perpetua. Katharina und Maria sind in ihr zu einer Person geworden, Es ist der Schauer vor einem tiefen Geheimnis des Menschlichen, der Wilhelm von Scholz, einen Dichter des Mystisch-Übersinnlichen, das Zwillings- schicksal der Schwestern Breitenschnitt gestalten ließ, ein Gefühl, das keinem fremd bleibt, der schon in die gleichen Seelen von Zwillingen einzudringen versucht hat.
So begegnen sich Wissenschaft und Dichtung im Zwillinssproblem,„Biologische Beobachtung und poetisches Schauen versuchen jede in ihrem Sinn und jede mit ihren Mitteln diese Menschlichkeit darzustellen. Die Wissenschaft darf sich nicht zu strenge, die Kunst nicht zu erhaben dünken, um in Anregung und Austausch sich gegenseitig zu befruchten, Denn in diesem scheinbar so entlegenen Sonderfall, allem menschlichen Streben gemeinsam, drängt das höchste Problem der Menschlichkeit in der härenen Kutte der exakten Forschung und dem schimmernden Gewand des Märchens, des Mythos und der Dichtung ans Licht der Offenbarung.”(Porr.)
VI. Die allgemeine Bedeutung der Zwillingsforschung
Die Anwendung der Zwillinssmethode hat der Wissenschaft überaus wertvolle Einsichten vermittelt; es ist versucht worden, einen Überblick über die Ergebnisse der Einzelforschung zu geben. Darüber hinaus ist aber die Frage aufzuwerfen, welche großen, allgemein bedeutungsvollen Erkenntnisse die Zwillingsforschung bis- her gezeitigt hat und was die besonderen Leistungen der Zwillinsgsmethode im Ver- gleich mit anderen Methoden der menschlichen Erbforschung sind.
Der merkwürdige Sonderfall erbgleicher Menschen, wie sie uns in eineiigen Zwil- lingen gegenübertreten, macht Verknüpfungen nach vielen Seiten hin möglich, Da- mit geben sich auch Beziehungen zu Fragen, die längst vor aller Erbforschung den Menschen bewegt haben. Wenn im folgenden die Beziehung zu zwei Gebieten alten Menschheitsglaubens aufgenommen wird, so mag dies manchem Vertreter strenger


