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Zwillinge : Einführung in die Zwillingsforschung / von Reinhold Lotze
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164 Zwillingsforschung an seelischen Eigenschaften

des Verhaltens. Es gibt Fälle von EZ-Paaren, bei denen die Partnerphotographisch treu sich wiederholen, Ein derartiger von Lecras(1933) berichteter Fall sei im folgenden wiedergegeben:

Zwei EZ-Schwestern, geboren 1882, wurden in ihrem 18. Jahre plötzlich, eine Woche nacheinander und ohne einander gesehen zu haben, psychotisch. A. wußte nicht einmal etwas von der Psychose C.'s. Sie wurden 19 Tage nacheinander in zwei verschiedene Anstalten auf- genommen. Hier zeigten sie einen manischen Erregungszustand. Nach einigen Tagen ändert sich das Bild: sie liegen in Stupor, sprachlos und bewegungslos vor sich hinstarrend. Genau 69 Tage nach der Aufnahme wird in beiden Krankheitsgeschichten(der beiden Anstalten) verzeichnet, daß sich der Zustand zum bessern wendet. Und nach 5 Monaten wird bei beiden notiert, daß der Zustand günstig ist, aber daß die Patienten noch etwas Albernes in ihrem Wesen behalten haben. Einen Tag nacheinander werden sie nach Hause beurlaubt. Später, im Alter von 26 Jahren, macht C, noch einmal einen solchen Zustand durch, der 8% Monate dauert, und in ihrem 30, Jahr eine mehr depressive Phase, A. wird in ihrem 24. Jahr noch einmal während 9% Monaten interniert.

Neben solchen völlig identischen Fällen kommen andere vor, bei denen Unter- schiede erheblichen Grades und auffälliger Art bestehen, und schließlich auch solche, die ganz diskordant sind. Über die Ursachen, die eine derart verschiedene Aus- wirkung der Erbanlage zu bewirken vermögen, können auch heute noch erst Ver- mutungen geäußert werden, In Frage kommen vor allem Pubertät, Schwanger- schaft, Wochenbett, Klimakterium, erworbene Schädigungen des endokrinen Systems, Infektionskrankheiten,

Wenn in diesem Punkt die Ergebnisse der Forschung noch nicht voll befriedigen, so hat in einem anderen Punkt die Zwillingsforschung ein sehr bedeutungsvolles Er- gebnis erbracht, Wenn 2EZ ein verschiedenes Bild der Krankheit aufweisen, so zeigt sich damit, auf welche Weise sich ein und dieselbe Erbanlage manifestieren kann. Damit ist es möglich, all das zu erkennen und abzugrenzen, was sich aus der ein- heitlichen Erbanlage entwickelt und damit zu dem Krankheitsbild des manisch- depressiven Irreseins gehört. So wurde aus der Vergleichung von Zwillingsfällen deutlich, daß sich Manie oder Melancholie nicht als solche getrennt vererben, son- dern daß manische und depressive Schwankungen genotypisch nicht voneinander zutrennen sind. Das wesentliche des Erbmerkmals ist die ausgesprochene Stimmungsveranlagung.

d) Epilepsie

Die Epilepsie isteine Erkrankung, die sich im Auftreten von Anfällen äußert, bei denen der Kranke bewußtlos zu Boden fällt und eigentümliche Krämpfe zeigt; in schweren Fällen kann das Leiden zur Verblödung führen. Epilepsie kann ererbt sein, sich aber auch auf Grund äußerer Ursachen(Hirnverletzungen, infektiöse Gehirnerkrankung) entwickeln. Hiernach wird zwischen idiopathischer Epilepsie einerseits und symptomatischer Epilepsie andererseits unterschieden,

Die Frage der Vererbbarkeit der Epilepsie ist bis vor kurzem sehr stark umstritten gewesen; der Einfluß des Erbfaktors wurde von vielen Forschern als recht gering angesehen. Versuche, der schwierigen Frage mit der Zwillingsmethode beizukommen, sind schon mehrfach unternommen worden. Die bisher weitaus größte und beste Serie von Zwillingen mit Epilepsie ist durch eine im Rahmen der Arbeiten der Münchener Forschungsanstalt für Psychiatrie durchgeführte Untersuchung von ConrAap ge- wonnen worden.

Durch eine großzügige Umfrage wurden für einen Stichtag die in sämtlichen An- stalten Deutschlands vorhandenen Epileptiker erhoben. Von über 17000 Fällen waren 73,8% verwendbar und unter diesen fanden sich 258 Zwillinge. Nach Ausscheidung der Paare, von denen ein Partner vor Erreichung des Gefährdungsalters gestorben war, standen noch 157 Paare zur Verfügung, von denen die Eiigkeit sicher festge-