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Zwillinge : Einführung in die Zwillingsforschung / von Reinhold Lotze
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162 Zwillingsforschung an seelischen Eigenschaften

durch Umwelteinflüsse verursacht werden. LuxEngurGer hat dargelegt, daß auf Grund dieser Tatsachen ‚die gesamte Pathologie des Menschen von den reinen Erbkrank- heiten bis zu den reinen Umweltkrankheiten in ein sinnvolles System ge- brachtwerdenkann,in welchem Erbkrankheiten und Umwelt- krankheiten nicht mehr Gegensätze, sondern extreme Varianten einer organisch sich aufbauenden Variationsreihe darstellen.

Diese Betrachtungsweise ist außerordentlich fruchtbar. Ist die Manifestations- wahrscheinlichkeit eines Erbleidens höher als 50%, so ist die Anlage die Haupt- ursache, die Umwelteinflüsse stellen nur Nebenursachen dar. Beträgt die Mani- festationswahrscheinlichkeit 50%, so sind die beiden Kräftegruppen gleich stark. Beträgt sie weniger als 50%, so muß zwar immer noch eine Anlage, eine gewisse Bereitschaft des Körpers vorhanden sein, um die Krankheit entstehen zu lassen; die Außeneinflüsse sind aber stärker als die Erbanlage. Wirken sie im Sinne der An- lage, so können sie die Manifestierung der Krankheit herbeiführen, im entgegenge- setzten Fall verhindern, Den verschiedenen Nerven- und Geisteskrankheiten kommen in der LuxengurGerschen Variationsreihe ganz verschiedene Plätze zu. Wie später noch ausgeführt wird, hat der erbliche Schwachsinn eine Manifestationswahrschein- lichkeit, die ganz nahe an 100% heranreicht; er steht damit am Anlagepol des Systems. Nicht weit davon entfernt steht die erbliche Epilepsie mit einer Manifesta- tionswahrscheinlichkeit von etwa 92%; schon wesentlich stärker wirken Umweltein- flüsse bei der Entstehung der Schizophrenie mit. An ganz anderer Stelle ist die mul- tiple Sklerose einzureihen. Sie steht entweder ganz am Umweltpol der Reihe oder mit einer Manifestationswahrscheinlichkeit, die allerhöchstens 33% betragen kann, wahrscheinlich aber wesentlich geringer ist, nicht weit davon entfernt.

Die Betrachtungsweise LuxengurGers läßt erkennen, daßErbkrankheiten undUmweltkrankheiten keine sich ausschließenden Gegen- sätzesind,sonderndaßalle Leiden Glieder iin einer stetigen Reihe darstellen. Bei den Leiden, bei denen die Erbanlage das Wesentliche ist, wird rassenhygienisches Handeln einsetzen müssen; bei den anderen wird der Individualhygiene die Aufgabe der Bekämpfung zufallen. Aber auch bei Leiden, die überwiegend erbmäßig bestimmt sind, wie die Schizophrenie, ist dem individual- hygienischen Handeln nicht jede Möglichkeit genommen, Auch hier kann eine vor- sichtige hygienische Führung, die bewußte Fernhaltung auslösender Reize unter Um- ständen die Manifestierung der Krankheit verhindern. Voraussetzung hierzu wäre es allerdings, daß die Wissenschaft die Art der fördernden oder hemmenden Ein- flüsse noch besser kennen würde als dies zurzeit der Fall ist. Auf alle Fälle aber ist es ein tröstliches Gefühl für viele Menschen, die von der Möglichkeit einer Be- lastung mit Schizophrenie wissen, daß sie dieser Belastung nicht fatalistisch, schick- salsmäßig ausgeliefert sind, sondern daß auch hier dem ärztlichen Handeln eine Wirkungsmöglichkeit gegeben ist,

Noch eine andere wichtige Möglichkeit eröffnet die Zwillingsforschung in diesen Fragen: Wenn von einem EZ-Paar der eine Partner an Schizophrenie erkrankt ist, der andere nicht, so steht für den letzteren trotzdem fest, daß er die Anlage zur Schizophrenie genau so besitzt wie der kranke Zwilling. Es wird von besonderer Bedeutung sein, solche scheinbar gesunden Personen auf das genaueste zu unter- suchen und zu beobachten, um auf diese Weise Symptome an ihnen zu finden, die auf das Vorhandensein der krankhaften Erbanlage hindeuten. So könnte der Typus desmanifestationsverhinderten Erbkranken(Luxensurcer) her- ausgearbeitet und erkannt werden. Wenn es tatsächlich möglich wäre, ihn genau zu erfassen, so könnte in anderen Fällen die vorhandene Erbanlage schon vor ihrer Manifestation erkannt werden und bei den betreffenden Menschen könnte sowohl