Schizophrenie 161
Gesamtbevölkerung. Zwillinge sind also nicht stärker mit Schizophrenie belastet als Einlinge; die Zwillingsschaft als solche hat keine Beziehung zur Entstehung der Schizophrenie. Das ungestörte Verhältnis beweist auch, daß Erbträger der Schizo- phrenie vor dem Ausbruch der Krankheit keiner Letalauslese unterliegen, d.h. nicht in größerer Zahl sterben als Nichtträger der Anlage.
Die Untersuchung der konkordanten EZ gab wohl in vielen Fällen eine starke Übereinstimmung im Auftreten und Verlauf der Erkrankung, Daneben aber wurde eine erhebliche Zahlbemerkenswerter Unterschiede festgestellt. „Durch die Serien hat das Märchen von der photographischen Treue der Psychosen bei EZ eine schlagende Widerlegung erfahren.‘(LuxengurGer.) Diese Verschieden- heiten zeigen, daß das Krankheitsbild der Schizophrenie eine starke umweltbedingte Variabilität aufweisen kann, Der Beginn der Erkrankung ist zeitlich oft recht ver- schieden. Neben Fällen, bei denen die Erkrankung bei beiden Zwillingen völlig gleichzeitig einsetzte, sind zeitliche Unterschiede bis zu 11 Jahren beobachtet worden. Der Verlauf der Erkrankung kann zum Teil recht verschieden sein; oft bringt es aber der bunte Wechsel der einzelnen Bilder mit sich, daß ‚manchmal der andere bald nachmacht, was der eine vorgemacht hat. Ja gelegentlich scheint es, als ob von dem später erkrankten Zwilling in einem Schub nach Schwere und Dauer das nachgeholt würde, was der andere voraus hatte,(Lance.)
Das wichtigste Ergebnis der LuxengurGerschen Serie ist die Tatsache, daß nur °/), der EZ-Paare mit Schizophrenie konkordant sind; bei!/, ist nur der eine Partner erkrankt, Daraus folgt, daß nicht bei allen Menschen, welche die Erbanlage für Schizophrenie besitzen, diese Anlage sich auch tatsächlich manifestiert. Aus dem genannten Verhältnis(k= 0,666) errechnet sich eine Manifestationswahrscheinlich-
2k I65SS keit von ee Baer 0,8. LuxengurGer hat zur Berechnung der Manifestations-
wahrscheinlichkeit der Schizophrenie noch besondere Formeln aufgestellt, Er erhält damit Zahlen, die zwischen 0,692 und 0,810 liegen. Diese Zahlen stimmen mit der oben errechneten sehr befriedigend überein; als Ergebnis der Serienuntersuchung kann festgehalten werden, daßnur 70bis80% aller Menschen, welche dieAnlagezur Schizophreniehaben,tatsächlichauchim Lauf ihresLebensschizophren werden; bei den übrigen kommt die Krankheit nicht zum Ausbruch. Die Schizophrenie ist ein Erbleiden von zwar recht starker, aber doch nicht vollkommener Durchschlagskraft(Penetranz). Für ihre Manifestie- rung müssen äußere Einflüsse wirksam sein; es ist die Frage aufzuwerfen, wasfür Umwelteinflüsse es sind, welche die Manifestierung beför- dernoderhemmen. Hierüber ist noch recht wenig bekannt. Lance konnte bei Frauen eine deutliche Abhängigkeit der Erkrankungen von Störungen in der Geni- talsphäre nachweisen, Auch schwere Erkrankungen körperlicher Art, wie Typhus und Gelenkrheumatismus, scheinen die Auslösung der ruhenden Anlage herbeiführen zu können,
Diese Erkenntnisse über die Manifestation der Schizophrenie zeigen an einem wichtigen Beispiel, in welchem Kräfteverhältnis Anlage und Um- weltbeider Entstehungeiner Krankheit zusammenwirken, Es gibt Erbleiden, die sich mit einer Wahrscheinlichkeit von 100% manifestieren, die also rein schicksalsmäßig entstehen und verlaufen. Umwelteinflüsse sind bei ihnen für die Entstehung der Krankheit völlig belanglos. Daneben gibt es Leiden, die zwar deutlich erbmäßig bestimmt sind, bei denen aber nur bei einem gewissen Hundertsatz der Anlageträger das Leiden zur Manifestierung kommt, Es ist klar, daß hier äußeren Einflüssen ein ganz bestimmtes Gewicht zukommt. Schließlich gibt es auch Krank- heiten, bei denen eine Erbanlage überhaupt keine Rolle spielt, die ausschließlich
11 Zwillinge
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