160 Zwillingsforschung an seelischen Eigenschaften
dern als eine Erkrankung, bei der die Umwelt die weit überwiegende, entscheidende Rolle spielt”(Tuums). Das ist ein sehr wichtiges Ergebnis,
Die Arbeit von Tuums ist deshalb so ausführlich wiedergegeben worden, weil sie ein in vieler Beziehung aufschlußreiches Beispiel einer erfolgreichen wissenschaft- lichen Untersuchung mit Hilfe der Zwillingsmethode darstellt, Die Darstellung ihrer Methodik gibt einen lebhaften Begriff davon, wie unerhört m ühevolldie Gewinnung eines ausreichenden auslesefreien Materialsist. Sie zeigt weiterhin, wie die Zwillingsmethode in einem seit langer Zeit umstrittenen Fall zu einem völligeindeutigen Ergebnis über die Erb- oder Um- weltbedingtheit einer Krankheit zu führen vermochte, zu einem Er- gebnis, wie es mit gleicher Sicherheit von keiner anderen Methode der menschlichen Erbforschung geliefert werden könnte.
b) Schizophrenie
Mit besonderem Nachdruck hat sich die Erbforschung schon früher mit der Ver- erbung der Geisteskrankheiten beschäftigt; sind es doch Erkrankungen schwerster Art, welche ihre erbmäßige Bedingtheit deutlich erkennen lassen und mit ihrem schicksalsmäßigen Auftreten den Menschen aufs tiefste bewegen. Es sind vor allem zwei Hauptgruppen von Geisteskrankheiten zu erkennen: die Schizophrenie und das manisch-depressive Irresein(Zyklophrenie). An sie schließen sich Epilepsie und Schwachsinn an. Näher an der Grenze zum Normalen stehen diejenigen Erschei- nungen, die man als Psychopathie und Hysterie bezeichnet; viele der Schwerver- brecher, über die bereits früher berichtet worden ist, wären hier einzuordnen, Auf die Erforschung aller dieser geistig-seelischen Störungen ist auch schon die Zwil- lingsmethode angewandt worden; im folgenden soll dargelegt werden, was sich im einzelnen aus diesen Untersuchungen ergeben hat.
Die Schizophrenie(Spaltungsirresein, wörtlich„Spaltung des Geistes“) ist die häufigste und schwerste der Geisteskrankheiten, Sie setzt verhältnismäßig früh, meist schon im zweiten oder dritten Jahrzehnt ein(daher auch Dementia prae- cox= Verblödung im jugendlichen Alter). Ihr Auftreten kann sehr verschiedene Formen zeigen; allen gemeinsam ist eine weitgehende Verödung des Gefühls- und Willenslebens, die bis zur Verblödung führen kann,
Einzelne Zwillingsfälle sind schon vor längerer Zeit bekannt geworden und haben dadurch Aufsehen erregt, daß sie einen völlig gleichen Ablauf der Krankheit zeigten. Bereits Garron erzählt ausführlich einen solchen Fall. Mit Einzelfällen ist aber nicht viel anzufangen; es ist verständlich, daß die konkordanten Fälle besonders leicht auffallen und deshalb verhältnismäßig häufig berichtet werden, während die dis- kordanten Fälle meist überhaupt keine Beachtung finden. Die in der Literatur be- richteten Einzelfälle stellen daher, wenn sie gesammelt werden, eine starke Auslese nach Konkordanz und damit auch nach der Eineiigkeit dar. LuxengurGer hat, wie schon mehrfach erwähnt, als erster auf die Notwendigkeit hingewiesen, der Zwillings- forschung auslesefreie Serien zugrunde zu legen. Erst auf diese Weise konnten Er- gebnisse von allgemeiner Bedeutung gewonnen werden. Aus einem Gesamtmaterial von über 16 000 Kranken erhielt er schließlich etwa 81 Zwillingspaare, von denen wenigstens ein Partner an Schizophrenie erkrankt war. Ihre Untersuchung ergab, daß von 21 EZ-Paaren 14 konkordant und 7 diskordant waren, von 37 ZZ-Paaren alle 37 diskordant, von 23 unsicheren Paaren 2 konkordant, 21 diskordant. Bei den EZ sind also bei?/, der Paare beide Partner an Schizophrenie erkrankt; alle sicheren ZZ sind diskordant. Schon aus diesen Zahlen geht diestarke, wenn auch nicht vollkommene Erbbedingtheit der Schizophrenie hervor.
Die Verarbeitung des statistischen Materials ergab weiterhin folgendes: Die Häufigkeit der Zwillinge im Ausgangsmaterial entsprach ihrer Häufigkeit in der


