158 Zwillingsforschung an seelischen Eigenschaften
Die multiple Sklerose ist eine entzündliche Erkrankung des Nervensystems, die ihren Namen davon hat, daß sich im Gehirn oder im Rückenmark oder auch in beiden vielfach und wahllos verstreut Herde bilden, die härter sind als ihre Umgebung. Die äußeren Symptome der Krankheit können der mannigfaltigen Verteilung der Herde entsprechend recht ver- schiedenartig sein; es sind vor allem folgende: rhythmisches Augenzittern(Nystagmus); Bewegungszittern der Gliedmaßen, das bis zu einem allgemeinen Körperwackeln führen kann; Störung der Nerven des Sprechapparats, die sich in einer merkwürdig abgehackten,„skan- dierenden” Sprache äußert; Lähmung der Beine. Im Verlauf dieser Nervenstörungen können auch die geistigen Fähigkeiten abnehmen,
Von der multiplen Sklerose waren bis vor kurzem wie von allen übrigen Nervenkrank- heiten nur ganz vereinzelte Zwillingsfälle bekannt. Von ihnen war besonders ein 1932 von dem holländischen Forscher LEGRAS beschriebener Fall bemerkenswert; bei einem Paar zweifelsfreier EZ war multiple Sklerose konkordant beobachtet worden. Angesichts der ver- hältnismäßigen Seltenheit der Erkrankung war auch ein derartiger Einzelfall von wissen- schaftlicher Bedeutung; er mußte eine starke Erbbedingtheit der multiplen Sklerose vermuten lassen, Die Entscheidung kann aber erst durch die Erfassung einerlückenlosen Serie herbeigeführt werden. Das Material der Untersuchung darf nicht durch Auslesevorgänge ver- fälscht werden, sondern muß„repräsentativ” sein, d.h. in seiner Zusammensetzung die Verhältnisse der Gesamtbevölkerung richtig wiedergeben. Am vollkommensten werden diese Forderungen erfüllt, wenn innerhalb eines möglichst großen Zählbezirks alle Merkmals- träger erfaßt und aus ihnen alle diejenigen ausgesondert werden, die einer Zwillingsgeburt entstammen.
Ein möglichst vollständiges Material neurologischer Erkrankungen konnte nur auf dem Weg der Erhebung bei Kliniken und Krankenhäusern gewonnen werden. Um genügend viele Fälle zu erhalten, wurden an alle Heil- und Pflegeanstalten sowie an alle Krankenhäuser des ganzen Reichs, an die staatlichen und privaten Gebrechlichen- und Krüppelanstalten und an die chirurgischen und orthopädischen Kliniken Rundbriefe ver- sandt, in denen um die Nennung aller neurologischen Fälle der letzten 10 bis 20 Jahre ge- beten wurde, Von jedem einzelnen Fall sollten Name, Zeit und Ort der Geburt, Konfession, Anschrift und Diagnose gemeldet werden. Von etwa 1000 Krankenhäusern und Anstalten, an welche die Rundfrage erging, antworteten daraufhin zunächst gegen 400 und meldeten über 50.000 Fälle. An die Universitätskliniken wurden eigene Hilfskräfte der Forschungsanstalt entsandt, um die Erhebungen durchzuführen, Auf diese Weise wurde ein Material über das Vorkommen organischer Nervenkrankheiten gewonnen, wie es bisher auch annähernd nicht vorhanden war.
Die zweite Aufgabe war es nun, aus diesem Material von Kranken die- jenigenherauszufinden, die als Mehrlinge geboren worden waren. Zu diesem Zweck wurde in jedem einzelnen der genannten Fälle an das Standesamt oder an das Pfarramt des Geburtsortes die Anfrage gerichtet, ob die betreffende Person aus einer Mehrlingsgeburt stamme oder nicht. Falls eine Antwort nach einigen Monaten nicht ein- gelaufen war, wurde gemahnt. Es ist verständlich, daß trotzdem die Auskünfte nicht voll- ständig eingingen; nach einiger Zeit konnte aber immerhin für 400 nervenkranke Patienten festgestellt werden, daß sie als Zwillinge geboren waren, Bei der ersten Durchprüfung dieser Fälle zeigte es sich, daß bei den ausgesprochen seltenen Nervenkrankheiten über eine Kasui- stik nicht hinauszukommen war, daß es aber möglich ist, bei einigen anderen, etwas häufigeren Nervenkrankheiten(z.B. bei multipler Sklerose, Hirntumor, Parkinsonscher Krankheit) zu repräsentativen Serien zu gelangen. In Angriff genommen wurde zunächst die Untersuchung der Zwillinge mit multipler Sklerose,
Bis zu dem Zeitpunkt, an dem eine vorläufige Begrenzung des sich immer noch vermehren- den Materials vorgenommen wurde, konnte von 3123 Fällen multi pler Sklerose festgestellt werden, ob sie einer Zwillingsgeburt entstammt waren oder nicht, Es fanden sich unterihnen5lalsZwillinge Geborene, Von ihnen galt es nun, in Erfahrung zu bringen, ob und wo der gemeldete Kranke und sein Zwillingspartner lebten. Dies gelang nur durch eine ausgedehnte Korrespondenz mit Einwohnermeldeämtern, Standesämtern, Bürgermeistern, Pfarrern, Anstalten usw. Dann wurde an den Kranken und seinen Partner oder, wenn bereits beide tot waren, an die Eltern oder eines der Geschwister ein persönlich gehaltener Brief gerichtet, in dem der Zweck und die Wichtigkeit der geplanten Untersuchung dargelegt und um eine Reihe von Auskünften, insbesondere auch um Photographien gebeten


