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Zwillinge : Einführung in die Zwillingsforschung / von Reinhold Lotze
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Zwillingsgemeinschaft Nervenleiden 157

Nur in seltenen Fällen ist die Gemeinschaft von EZ gestört, manchmal bis zum srimmigen Haß: Es sind Menschen, diesich selbst nicht leiden können. Wer sich selbst nicht ausstehen kann, mit sich selbst zerfallen ist, wird und muß sein Gefühl auch an seinem Doppel auslassen. Wenn bei EZ ein sehr inniges Verhältnis die Regel ist, so mag daraus gefolgert werden, daß der Mensch in der Regel sich selber freundlich gegenübersteht.

6. Nervenleiden und Geisteskrankheiten

Wie der normale Ablauf der seelischen Funktionen erbmäßig bestimmt ist, so ist es auch der krankhafte, Das große Gebiet der Nerven- und Geisteskrankheiten hat deshalb die Erbforschung immer stark beschäftigt. Das Nervensystem kann von organischen Schädigungen befallen werden, die zu Störungen der nervösen Funk- tionen führen. Von diesen in körperlichen Erscheinungen sich äußernden neuro- logischen Erkrankungen sind die Geisteskrankheiten(Psychosen) zu unterscheiden, bei denen die geistigen und seelischen Fähigkeiten und Abläufe gestört sind. Diese Störungen führen vom normalen Seelenleben bis zu Krankheits- formen, die eine völlige Zerstörung der Persönlichkeit bedeuten.

Die Erbbedingtheit der Geisteskrankheiten ist von jeher bekannt ge- wesen; mit genealogischen Methoden wurde der Art ihres Erbganges nachgegangen. In Deutschland werden solche Forschungen seit längerer Zeit durch das Kaiser- Wilhelm-Institut für Genealogie und Demographie bei der deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie in München unter Leitung von Professor Dr. Rüpın durchgeführt. Es wurde dort versucht, für die verschiedenen Arten geistiger Störungen den Grad der Wahrscheinlichkeit zu er- mitteln, mit der Kinder belasteter Eltern der Erkrankung ausgesetzt sind. Etwa seit 1928 benützt dieses Forschungsinstitut für seine Untersuchungen auch die Zwillings- methode, Die ersten grundlegenden Untersuchungen sind von Lange und Luxen- BURGER durchgeführt worden. An ihre Arbeiten haben sich dann in den letzten Jahren diejenigen weiterer Mitarbeiter der Forschungsanstalt angeschlossen. Sie alle gründen sich auf das von dem Institut in einzigartiger Weise gesammelte Material. Die Absichten der Forschungsanstalt gehen dahin, zum mindesten für einzelne Krank- heitsformen womöglich alle in Deutschland vorhandenen Fälle zu sammeln und sie damit der wissenschaftlichen Verarbeitung zuzuführen. Zu welchen Ergebnissen die Forschungen des Instituts mit Hilfe der Zwillingsmethode geführt haben, sei im nachstehenden berichtet.

a) Nervenleiden

Auf dem Gebiet der Nervenkrankheiten ist bis vor kurzem die Zwillingsmethode nur in geringem Umfang benützt worden. Dies rührte davon her, daß die meisten der neurologischen Erkrankungen verhältnismäßig selten sind, und daß es deshalb recht schwierig ist, ein genügend großes Material von Zwillingspaaren zusammen- zubringen, von denen mindestens ein Partner von der Krankheit befallen ist.

Neuerdings hat nun aber die Münchener Forschungsanstalt die systematische Er- fassung aller neurologischen Erkrankungen in Angriff genommen; es wird versucht, auf diese Weise zu einer größeren Zahl von Zwillingsfällen der einzelnen Erkran- kungen zu kommen. Von dieser großzügig durchgeführten Erhebung liegt eine erste Arbeit vor: Die Anwendung der Zwillingsmethode auf die Erbpathologie der mul- tiplen Sklerose durch Tuums. Da diese Zwillingsarbeit sowohl nach der methodischen Seite als auch nach der Art und Bedeutung ihres Ergebnisses besonderes Interesse verdient, sei im folgenden näher auf sie eingegangen.