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Zwillinge : Einführung in die Zwillingsforschung / von Reinhold Lotze
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156 Zwillingsforschung an seelischen Eigenschaften

so beeindruckt ist, daß er ihre Unterschiede gar nicht mehr sieht oder sehen will. Alle diese Umstände machen es nahezu unmöglich, die vorhandenen Unterschiede richtig einzuschätzen; daß durch Testuntersuchungen ein objektiver Maßstab ge- wonnen werden könne, ist eine trügerische Hoffnung, Ob die Unterschiedegroß oderklein genannt werden, hängt bei vielen Forschern tatsächlich davon ab, was sie von den EZ erwarten,

Ähnliches zeigt sich in der Entwicklung der Zwillingsforschung. Ihre erste Zeit stand unter dem ungeheuer starken Eindruck der Übereinstimmung der EZ, die in immer erneuten Untersuchungen nachgewiesen wurde, Nach und nach erkannte man, daß EZ auch deutliche Unterschiede aufweisen können, Nachdem ihre Übereinstim- mung beinahe zur Selbstverständlichkeit geworden war, interessierten nunmehr in erster Linie diejenigen Fälle, in denen größere Unterschiede zu beobachten waren. Mit der Verschiebung des Interesses rücken die unterschiedlichen Fälle in den Vordergrund und es kann sich schließlich sogar ein Bild ergeben, das der Wirklich- keit nicht voll gerecht wird. DieVerschiedenheit von EZ ist eine solche, dienuraufdem Grundeihrer einzigartigen und sonst nicht wieder vorkommenden Gleichheitrichtig bewertet wer- denkann.

Die Frage nach der Ursache der Unterschiede ist schwierig; ihre Lösung ist noch nicht über Anfänge hinausgekommen, Grobe Unterschiede sind nach Lance fast immer auf äußere Schädigungen zurückzuführen, vor allem auf solche beim Geburts- vorgang; diese sind häufiger als für gewöhnlich angenommen wird, Sehr viele Unter- schiede werden auf Störungen während des vorgeburtlichen Lebens zurückzuführen sein; die Zwillingsschwangerschaft bedeutet für den Keim eine unnatürliche Umwelt, Bei kleinen Unterschieden sind die Ursachen meist nicht faßbar, Sie können sich allmählich vergrößern:Minimale Unterschiede wirken wie Hebelarme, an denen die Umwelt ins Große zeichnend eingreift.(Lance.)

In das Problem Gleichheit-Verschiedenheit spielt noch ein anderes herein: das der Zwillingsgemeinschaft. Das Verbundensein von EZ ist besonders in der Jugend und bei weiblichen Zwillingen sehr stark, oft von einer unvergleichlichen Innigkeit. M. Schirter erzählt von zwei Brüdern, die sich in der Schule immer wieder umarmten und küßten; weil sie damit den Unterricht störten, mußten sie getrennt gesetzt wer- den. Das Verhältnis zweier erbgleicher Zwillinge zueinander ist etwas ganz Be- sonderes und mit keinem anderen Verhältnis zwischen Menschen zu vergleichen; ein Mensch ist hier immer mit seinem eigenen Doppel beisammen. EZ haben damit die gleichartigste Umwelt, die sich denken läßt: auch der fast immer gegenwärtige Partner ist gleich; das ganze Erleben ist gemeinsam. Der eine Zwilling kann sich gar nicht ohne den anderen denken. Es gibt bei solchen Zwillingen oft gar kein Ich mehr, sondern nur einWir, M, Schuier erzählt, daß EZ häufig keine Freunde haben; sie sind sich selbst völlig genug. Wenn sie Freunde haben, so sind es fast immer die gleichen,

Aus der Gleichheit der EZ und ihres Wir-Erlebnisses folgt bei ihnen meist auch der bewußte Wille zum Gleichsein. Es gibt bei ihnen ganz im Gegensatz zu den ZZ. meist keinen Wettbewerb, sondern nur das Bestreben, sich gegenseitig anzu- gleichen. So verstärkt sich das gegebene Gleichsein durch die völlig gleiche Umwelt und dazuhin meist noch auf psycholo- gischem Weg durch ein Gleichseinwollen. Das bedeutet natürlich eine methodische Schwierigkeit für die Herauslösung des reinen Einflusses der Erb- anlage. Wenn aber schon versucht wurde, die Gleichheit der EZ weithin auf ihr Bestreben derIdentifizierung zurückzuführen, so ist dazu zu sagen, daß ein solches Bestreben ja nur die Folge ihrer erblichen Gleichheit ist,