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Zwillinge : Einführung in die Zwillingsforschung / von Reinhold Lotze
Entstehung
Seite
155
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Gleichheit und Verschiedenheit bei EZ 155

Newman ist von dem Ergebnis seiner Forschungen insofern enttäuscht, als es ihm mit seinen Mitarbeitern entgegen früheren Hoffnungen über die Lösung des Nature- Nurture-Problems mit Hilfe der Untersuchung getrennt erzogener Zwillinge nicht gelungen ist, ein einfach zu fassendes, klares Ergebnis zu erzielen. Je weiter man in das Problem eindrinst, um so schwieriger wird es und um so mehr löst es sich in Einzelprobleme auf. Newman und seine Mitarbeiter haben wohl zu viel erwartet, insbesondere von der Zuverlässigkeit und Verwendbarkeit ihrer Tests, Ihre Unter- suchungen geben aber auf alle Fälle einen wertvollen Einblick in die Modifikations- breite der Anlagen von Intelligenz, Temperament und Charakter bei deutlich ver- schiedenen Umweltverhältnissen und lassen im ganzen deutlich erkennen, daß für die Entwicklung der Persönlichkeit letztlich nicht die Umwelt, sondern das Erbgut entscheidend ist,

5, Gleichheit und Verschiedenheit bei EZ

Die Untersuchung getrennt erzogener EZ hat eine ganz klare und einfache Gesetz- mäßigkeit nicht ergeben. Im einen Fall scheint die Umwelt recht stark gewirkt zu haben, das andere Mal so gut wie gar nicht. Im ganzen gehen wohl die Unterschiede über diejenigen hinaus, die an gemeinsam erzogenen EZ gefunden werden; die an gemeinsam erzogenen EZ beobachteten Unterschiede sind aber vielfach gerade so groß, manchmal sogar größer als bei den getrennt erzogenen EZ. Dabei ist zunächst zu bedenken, daß es für zwei Menschen niemals vollkommen gleiche Umwelten geben kann; bei vielen EZ mögen Umwelteinflüsse modifizierend gewirkt haben, die wir nachträglich gar nicht mehr feststellen können. Tatsache ist es, daß es Zwillinge gibt, die in ihren seelischen Eigenschaften vollkommen übereinstimmen und daneben recht häufig andere, die intellektuell und charakterlich deutlich verschieden sind. Der eine ist verschwenderisch, der andere sparsam, der eine gefühlsmäßig warm, der andere kühl, der eine großzügig, der andere kleinlich, der eine lebhaft, der andere ruhig, der eine offen und aufgeschlossen, der andere zurückhaltend, der eine mehr männlich, der andere mehr weiblich. Beinahe immer ist der eine der beiden Zwillinge der Führende, der andere der Folgende.

Nun ist es allerdings von grundlegender Wichtigkeit, wie diese Unter- schiede zu werten sind. Es ist bei EZ etwas ganz anderes, zu vergleichen und Unterschiede festzustellen als beim Vergleich nicht erbgleicher Menschen. Es handelt sich bei ihnen nicht um Unterschiede, wie sie bei erbverschiedenen Menschen vorkommen, sondern um Unterschiede einer ganz anderen Rangordnung. Auf der Grundlage der tatsächlichen Gleichheit werden feine Abstufungen beobachtet; sie werden oft mit Begriffen bezeichnet, die nicht für die Abstufungen zutreffen, sondern für die Extreme gelten. Die Eigenschaften sind in der durch diese Begriffe bezeich- neten Richtung verschieden, aber meist ohne daß die Unterschiede über eine ver- hältnismäßig kleine Variationsbreite des Merkmals hinauskommen. Nie handelt es sich bei den im Vorstehenden genannten Begriffspaaren um ein Entweder-Oder, sondern immer nur um ein Mehr oder Weniger in der bezeichneten Richtung. Es ist tatsächlich außerordentlich schwer, die Unterschiede von EZ wirklich objektiv zu sehen und zu werten. Dem Fernerstehenden scheinen unter Umständen zwei Zwil- linge völlig ähnlich zu sein, der Näherstehende sieht an ihnen auf Grund engen per- sönlichen Umgangs deutliche Unterschiede. Die große Ähnlichkeit der EZ zwingt geradezu die mit ihnen verkehrenden Menschen, bei ihnen nach Unterschieden zu suchen, Die gefundenen Unterschiede werden viel größer gesehen, als sie tatsäch- lich sind, weil auf dem Grunde der fast völligen Gleichheit auch die feinsten, sonst vielleicht verschwindenden Abtönungen sich deutlich abheben, Umgekehrt ist es aber auch psychologisch möglich, daß ein Beobachter von der Gleichheit zweier EZ