154 Zwillingsforschung an seelischen Eigenschaften
kennen, Im Temperament und Wille zeigten sich etwas größere Unterschiede. Harold ist mehr sozial veranlagt als sein Bruder; das mag eine Folge davon sein, daß Holden eine Reihe von Jahren auf der Farm arbeiten mußte, ohne viel an Geselligkeit denken zu können. Im ganzen sind auch hier die Unterschiede nicht groß. So zeigt dieser Fall eine Überein- stimmung der beiden Zwillinge, die kaum über das hinausgeht, was bei EZ in gleicher Um- welt als Unterschied vorkommen kann.
Was lehren nun alle die berichteten Einzelfälle in ihrer Gesamtheit? Jeder Fallhatseineigenes Gesicht, und wenn vielleicht zuerst geglaubt wurde, es könnten auch aus einem Einzelfall Schlüsse auf allgemeine Gesetzmäßigkeiten sezogen werden, so zeigte jeweils immer der nächste Fall, daß dies unmöglich ist. Aus dem Murrerschen Fall wäre zu schließen gewesen, daß die Intelligenz durch Umwelteinflüsse überhaupt nicht, der Charakter aber sehr stark beeinflußt werden könne; die Paare I(Alice und Oliva) und noch mehr II(Eleanora und Georgiana) von Newman wiesen im Gegensatz hierzu starke Abweichungen der Intelligenzquo- tienten und fast völlige Übereinstimmung in Temperament und Charakter auf. Erst die Gesamtheit aller Fälle kann über die Zufälligkeiten des Einzelfalles hinaus zu einem einigermaßen sinnvollen Urteil führen.
Die Intelligenzleistungen sind im Durchschnitt doch ähnlicher als bei den Fällen I und II. Der Unterschied zwischen dem Murrerschen Fall(Bessie und Jessie) einerseits und dem Fall II(Eleanora und Georgiana) andererseits hängt da- mit zusammen, daß es sich bei den Murrerschen Zwillingen um zwei außerordent- lich intelligente Schwestern handelte, während die geistige Begabung der beiden anderen Schwestern erheblich unter dem Durchschnitt liegt. Die Erklärung des ver- schiedenen Ergebnisses liegt sicher in folgendem Umstand: Bei sehr hoher Intelli- genz spielen Unterschiede in der geistigen Schulung für die Lösung der Tests so gut wie keineRolle; ganz anders ist es bei mäßiger intellektueller Begabung; hier ist Länge und Art der Schulung von sehr erheblicher Bedeutung für die Lösung der Aufgaben. Mit den Intelligenztests kann eben tatsächlich nicht die Anlage an sich, sondern nur eine Leistung festgestellt werden. Diese ist aber bei unterschiedlichen Intelligenz- graden verschieden stark von der Schulung abhängig. Eine Anlage braucht fördernde Reize zu ihrer Entwicklung. Bei gleichen Anlagen führen verschiedene Schulung und Unterschiede der geistigen Umwelt zu verschieden hohen Leistungen; das ist aber noch immer selbstverständlich gewesen. Über das hinaus kann aus den Intelli- genzuntersuchungen Newmans nichts geschlossen werden.
In Temperament und Charakter zeigen die getrennt erzogenen Zwil- linge auch Unterschiede verschiedener Abstufung; nach der Art ihrer Ausprägung können sie nicht durchweg ganz klar mit den Lebensschicksalen in Zusammenhang gebracht werden, Auch wo sich größere Unterschiede der beiden Persönlichkeiten zeigen, gehen sie kaum über das hinaus, was auch bei gemeinsam erzogenen EZ an Verschiedenheit beobachtet werden kann. Bei den meisten Fällen war aber festzu- stellen, daß auch EZ, die in stark verschiedenen Lebensumständen aufgewachsen sind, in Temperament und Charakter so gut wie ganz übereinstimmen. Der Gesamt- eindruck ist mit voller Klarheit der, daß für dieEntwicklungderPersön- lichkeitderEinflußdesErbguts dieEinflüsse der Umweltbei weitemüberwiest. Newman versuchte früher auch zu einer zahlenmäßigen Be- stimmung des Wirkungsmaßes der beiden Kräftegruppen zu kommen und fand auf Grund eines Vergleichs der Testuntersuchungen an den verschiedenen Gruppen von Zwillingen, daß der Einfluß des Erbgutes zweimal so groß sei als der der Umwelt, Später kam er zu der Einsicht, daß die Festlegung eines Zahlenverhältnisses nicht möglich sei. Wenn schon Zahlen genannt und errechnet werden, so ist der Anteil des Erbgutes mit dem Verhältnis 2: 1 zweifellos viel zu gering bewertet.


