Getrennt erzogene EZ 153
liche Leben keine geistige Förderung, ganz im Gegensatz zum Leben ihrer Zwillingsschwester. — Bei der Geburt wog Mildred 6 Pfund, Ruth nur 3% Pfund; der Unterschied glich sich aber später ganz aus, Beide Kinder schielen etwas, und zwar ist bei Mildred das rechte, bei Ruth das linke Auge einwärts gerichtet, Beide Mädchen sind körperlich ungeschickt; Mildred hat etwas mehr Sport getrieben als ihre Schwester, trotzdem sind beide in den Leibesübungen hoffnungslos. Mildred ist viel freundlicher, gesprächiger und frei von Schüchternheit, während Ruth schmerzlich scheu ist und viel weniger glücklich zu sein scheint, Mildred führt in allen Dingen und ist viel zupackender.,
Bei der Intelligenzuntersuchung ergab sich ein sehr erheblicher Unterschied: der Intelli- genzquotient von Mildred war 92, der von Ruth nur 77, Der große Unterschied von 15 Punkten ist dreimal so groß als der an 50 EZ-Paaren berechnete durchschnittliche Unterschied und ‚wesentlich größer als der durchschnittliche Unterschied von gemeinsam erzogenen ZZ. Alle Tests zeigten, daß Mildred durchweg intelligenter ist als Ruth, obwohl in Art und Umfang des Schulbesuchs der Mädchen, die beide eine High School besuchten, kaum ein Unterschied war. Den Unterschied in den Leistungen schreibt deshalb NEWMAN der großen Verschiedenheit der häuslichen Umgebungen zu. Die Untersuchung des Gefühls- und Willenslebens zeigte Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten. Die Unterschiede gingen in der bereits genannten Richtung. Im ganzen konnten die beiden Mädchen in ihrem Gefühls- und Willensleben als mäßig verschieden bezeichnet werden,
Der Fall der beiden Zwillinge hat insofern besondere Bedeutung, als er einen wesent- lichen Unterschied in den geistigen Fähigkeiten zeigt, ohne daß ein erheblicher Unterschied im Grade der Schulbildung vorliegen würde. Der Unterschied ist größer als bei Zwillingen anderer Fälle mit sehr verschiedenartiger Schulbildung. Daraus wäre zu schließen, daß die vorhandenen Unterschiede durch die häusliche Erziehung verursacht worden wären: Starke geistige Förderung beim einen Zwilling, Fehlen von Anregung beim anderen Zwilling. Die geistige Umwelt desElternhauses wäre damitalsein sehr bedeutungs- voller Faktor der geistigen Entwicklung wahrscheinlich gemacht.
Bild 96. Die Zwillinge Holden und Harold.(Nach Newman, 1934.)
Fall 9. Die Zwillinge Harold und Holden wurden von NEWMAN im Alter von 19 Jahren geprüft. Infolge des Todes ihrer Mutter waren sie schon in früher Kindheit von Verwandten adoptiert worden. Harold lebte in einem Dorf in Wisconsin. Er besuchte die Dorfschule, später auswärts auch die High School. Er liebte immer Kameradschaft und Sport; harte Arbeit hat er nie getan. Holden lebte mit seiner Tante auf einer Farm in der Nähe jenes Dorfes. Die beiden Zwillinge sahen sich deshalb recht häufig und waren immer wieder bei- sammen, besuchten auch dieselbe High School. Dann kehrte Holden zu seiner Tante zurück, um die Farm umzutreiben. Er ist weniger gesellig als sein Bruder. Umgebung und Bildung der beiden Zwillinge sind im ganzen ziemlich gleich,
Bei der Intelligenzprüfung schnitt Harold besser ab; der Unterschied war aber nicht groß. Ein deutlicher Einfluß der verschiedenen Umwelt ließ sich also bei der Intelligenz nicht er-
Re nee


