152 Zwillingsforschung an seelischen Eigenschaften
tiert, der nacheinander in verschiedenen Orten lebte. Die Eltern hatten nur wenig Bildung. Die Schicksale der Familie waren wechselnd; er hatte aber eine ausgezeichnete Pflegemutter.
Zur Zeit der Untersuchung waren die beiden Jungen 13% Jahre alt. Beide hatten von ihrer Schule das Zeugnis, daß sie sehr munter und interessiert seien. Einmal im Jahr kamen sie in Raymonds Heim zusammen. Diese kurzen Zusammenkünfte haben eine starke Zu- neigung der Jungen entstehen lassen; es schien, daß sie immer das gleiche tun wollten. Die Umgebung, in der Raymond lebt, ist an und für sich wesentlich günstiger als die von Richard; es scheint aber, daß Richard durch die wechselnden Verhältnisse seiner Familie selbständiger wurde als sein Bruder.
Die Untersuchung der Intelligenz ergab für die beiden Zwillinge annähernde Gleichheit; die vorhandenen leichten Unterschiede lassen aber durchweg Richard trotz seiner weniger günstigen häuslichen Verhältnisse als den besseren erscheinen. Die Untersuchung von Gefühl und Wille, für welche die Zwillinge vielleicht noch zu jung waren und die von Raymond weniger ernst genommen wurde als von Richard, ergab einen deutlichen Unterschied in der Richtung, daß sich Richard kräftiger und bestimmter zeigte, überhaupt die stärkere Persön- lichkeit zu sein schien. Im ganzen zeigten aber die beiden von allen untersuchten EZ-Paaren die geringsten Unterschiede; dies mag zum Teil noch mit ihrer Jugend zusammenhängen.
Fall 8. Der Fall der beiden Zwillinge Mildred und Ruth ist insofern besonders inter- essant, als das eine der beiden Mädchen in einer geistig hochstehenden Familie erzogen wurde, in der es große geistige Förderung genoß, während dem anderen Mädchen zu Hause jede Anregung fehlte,
Die Mutter der beiden Zwillinge starb 3 Monate nach der Geburt; die beiden Kinder wurden dann von Verwandten angenommen. Mildred wurde im Hause ihres geistig viel- seitig interessierten Onkels mütterlicherseits erzogen, der in einer kleinen Stadt als Rechts- anwalt, Bankvorsteher und früherer Bürger- meister eine wichtige Rolle spielte, Auch Mildreds Pflegemutter war eine geistig hoch- stehende Frau, Mit einer älteren Schwester zusammen konnte Mildred Musik treiben; sie spielt Violine im Orchester der High School, die sie besucht. Eine hochgebildete Schwester ihrer Pflegemutter nahm immer lebhaften Anteil an Mildreds Erziehung; dabei hatte Mildred immer auch Umgang mit vielen Kin- dern, gute Bücher standen ihr im Überfluß zur Verfügung. So gingen von ihrer Umwelt die denkbar besten Einflüsse aus.
Ruth kam in die Familie eines Bruders der Pflegemutter von Mildred. Ihre Pflege- eltern haben verhältnismäßig wenig Bildung genossen. Der Pflegevater war Vorarbeiter bei Taglöhnern, ohne Interesse an wissenschaft- lichen oder sonstigen kulturellen Dingen. Ruths Pflegemutter liebte das Kind eifer- süchtig und behielt es nach ihres Gatten Tod noch mehr als bis dahin zu Hause, So führte das Kind ein recht einsamesLeben und spielte mehr mit Puppen als mit anderen Kindern. In der Familie war kein Kind außer ihr; sie hatte auch wenige Freundinnen. Musik hörte Bild 95. Die Zwillinge Mildred und Ruth. sie zu Hause nicht, gute Bücher standen ihr
(Nach Newman, 1934.) nicht zur Verfügung. So bot ihr das häus-


