142 Zwillingsforschung an seelischen Eigenschaften
4. Die Einwirkungen der Umwelt auf die Persönlichkeit nach Untersuchungen an getrennt erzogenen EZ
Der Einfluß der Umwelt auf die Ausbildung des Erscheinungsbildes muß sich bei den Partnern eines EZ-Paares um so stärker geltend machen, je verschiedener die Umweltverhältnisse sind, unter denen sie leben. Die Wirksamkeit geistig-seelischer Umwelteinflüsse kann deshalb am besten an EZ erkannt werden, die während ihrer ganzen Jugendzeit getrennt voneinander erzogen worden sind; spätere Trennung hat entfernt nicht denselben Einfluß, Getrennt erzogene EZ sind naturgemäß sehr selten; bisher sind solche fast nur aus Amerika bekannt geworden. Der erste Fall dieser Art wurde von Porrnoe 1922 berichtet und von MurLEr zusammen mit der Psycho- login Koch 1925 eingehend untersucht. Später hat Newman das Problem aufgegriffen; von 1929 bis 1934 gelang es ihm, nacheinander 9 Fälle ausfindig zu machen. In neuester Zeit(1937) konnte er diese einzeln beschriebenen Fälle in einer zusammen- fassenden, gemeinsam mit dem Psychologen Freeman und dem Statistiker HorzıngEr durchgeführten Untersuchung durch 10 weitere Fälle ergänzen. Damit liegen aus der amerikanischen Fachliteratur 20 gut beschriebene Fälle vor; einige englische Paare getrennt erzogener EZ sind von Sauper beschrieben worden, In der deutschen Zwillingsliteratur ist ein seit frühester Jugend getrenntes EZ-Paar noch nicht be- schrieben worden. Im folgenden sei über die Murrerschen Zwillinge und die 9 ersten Fälle von Newman berichtet,
Die von MULLER und KOCH beschriebenen, getrennt erzogenen EZ-Schwestern sind am bekanntesten geworden, Nach MULLER beschäftigte sich auch noch SAUDEK mit dem Paar.
Die beiden Schwestern Bessie und Jessie sind 1893 geboren; sie wurden schon im Alter von 2 Wochen voneinander getrennt und von verschiedenen Pflegeeltern aufgezogen. Die Zwillinge kannten sich nicht bis zum Alter von 18 Jahren; damals lebten sie einige Monate zusammen, Dasselbe war 1913 und 1914 der Fall; dann sahen sie sich wieder 7 Jahre lang nicht.
Ihre Jugend verbrachten die Zwillinge im Nordwesten der Vereinigten Staaten in ver- schiedenen Umweltverhältnissen, Bessie lebte mit ihrer Familie bis zum Alter von 5 Jahren auf einer Farm; dann wechselte sie mit ihren Pflegeeltern, die nacheinander in verschiedenen Bergwerksbezirken arbeiteten, sehr oft den Wohnort. Sie wuchs fast ganz ohne Spielgefährten unter Erwachsenen, Bauern, Fuhrleuten, Grubenarbeitern und Cowboys auf; von einem älteren Sohn ihrer Pflegeeltern wurde sie oft bis aufs Blut gequält. Sie lernte ganz von selbst lesen und wurde bald eine leidenschaftliche Leserin; die Schule besuchte sie im ganzen nur 4 Jahre lang einschließlich einer Handelsschulzeit von 9 Monaten, Vom Alter von 15 Jahren ab arbeitete sie auf einem Kontor; sie war sehr eifrig und fleißig und hatte dementsprechend eine erfolgreiche berufliche Laufbahn, die sie durch ganz USA, führte, Während des Welt- krieges und nachher war sie mit dem amerikanischen Heer in Frankreich.
Ihre Schwester Jessie wuchs in wesentlich angenehmeren und ruhigeren Verhältnissen auf, Ihre Pflegeeltern adoptierten nach dem Tod ihrer Mutter auch ihre ältere Schwester und zwei Brüder, so daß sie im Kreis ihrer eigenen Geschwister aufwuchs. Die Familie liebte Unterhaltung und Vergnügen, und so sah das Mädchen immer viele Leute, Ähnlich wie Bessie wuchs auch sie als richtiger Wildfang auf; die Schule konnte sie vom 7. Jahr ab wesentlich länger als ihre Schwester, aber auch nicht ganz regelmäßig besuchen. Trotz unvollkommener Vorbereitung hatte sie an der High School und später an einem College sehr guten Erfolg. Nach Abschluß ihres Studiums wurde sie Lehrerin, bis sie dann heiratete, Sie bekam ein Kind, führte aber später ihren Lehrberuf wieder weiter. So sind die Lebensumstände der beiden Schwestern, trotzdem sie in ähnlichem sozialem Milieu aufgewachsen sind, mit der Zeit doch recht verschieden geworden,
Bei der Untersuchung der beiden Schwestern ergab sich eine ganz auffällige Überein- stimmung in den körperlichen Eigenschaften. Körpergewicht und Größe sind fast ganz die- selben; die Iris stimmt in fünf Eigenschaften bei beiden Schwestern vollkommen überein; beide haben einen leicht nach links gezogenen Mund; die Zähne sind außerordentlich ähn- lich, ein Schneidezahn greift bei beiden Schwestern in derselben Weise auf den anderen über. Jessie war als Kind viel gesünder, woran die besseren Umstände, unter denen sie aufwuchs,


