Verbrecherische Zwillinge 187
bruch bestraft. Insgesamt ist Karl neunmal, Franz nur viermal vorbestraft, doch hat Franz als Höchststrafe 1 Jahr und 6 Monate Zuchthaus, Karl nur ein Jahr Gefängnis. Der Gesichts- ausdruck bei den Zwillingen weist nicht unerhebliche Verschiedenheiten auf: Bei Karl ist das Willensmäßige und das Brutale sehr stark ausgedrückt, demgegenüber zeigt Franz eine größere Aufgeschlossenheit und Weichheit. Karl arbeitet derzeit in einer Fabrik in einer Großstadt, Franz hält sich im Hause seines Vaters auf. Doch sind beide wöchentlich einmal beisammen und hängen aneinander in einer Weise, wie man es bloß bei eineiigen Zwillingen beobachten kann. Franz berichtet spontan, daß er vor kurzem erst im Zuchthaus gewesen sei, ‚für meinen Bruder‘, wie er mit sichtlicher Genugtuung hinzufügt. Er behauptet, zu Unrecht verurteilt worden zu sein. Er wollte ihn durch seine Aussage vor der Überführung eines Diebstahls schützen. Bei allen Unterschieden zwischen den beiden Zwillingen überwiegt doch der Ge- samteindruck einer charakterologischen und konstitutionellen Ähnlichkeit, die, von Fein- heiten abgesehen, einer vollständigen Gleichheit entspricht, Ihre antisoziale Betätigung ist eine viel ähnlichere, als es den Straflisten nach zu sein scheint, Wenn Karl einmal wegen Jagdirevel bestraft wurde und mehrfach wegen Gewalttätigkeiten, wobei er einmal zusammen mit einem anderen Bruder einen Bauern und seine Frau, die dem Vorbeifahrenden unter spöttisch-verächtlichen Gesten nachblickten, heftig verprügelte, so hat auch Franz zweifel- los mehrfach gewildert, nur vielleicht etwas vorsichtiger, und er hätte in einer ähnlichen Lage der Verspottung durch Bauern nach Ansicht von Personen, die ihn seit vielen Jahren kennen, ganz ähnlich gehandelt wie sein Bruder. So berichten verläßliche Auskunftspersonen, daß jeder Nachbar, der etwas über die Familie sagt, unerbittlich verprügelt wird, woran sich auch Franz herzhaft beteiligt. Die ganze Familie lebt nach Art von verarmten und etwas epigonen- haften Raubrittern, Diebsgesindel aller Art findet in ihrem Haus, in dem in sexueller Be- ziehung vollkommene Promiskuität herrscht, Unterschlupf. Bei Gericht sind sie frech und sprechen in herablassendem Ton zu den Beamten. Niemand im Ort zweifelt daran, daß es sicher 100 Fälle gibt, wo sie nicht bestraft wurden und doch hätten bestraft werden sollen.
Gemütsrohe, unterdurchschnittlich begabte, etwas hemmungslose Persönlichkeiten, dabei überquellende Vitalität. Im Elternhaus sittlich verwahrlostt, Charakterologisch vollkommen gleich, im sozialen Verhalten auch nur an der Ober- fläche ungleich.“
Aus den von Kranz dargestellten„Lebensschicksalen krimineller Zwillinge” sei im folgenden ein Fall nach der Zusammenfassung der ausführ- licheren Lebensgeschichte wiedergegeben:
Die beiden Brüder Dorian und Reinhard Nanuk stammten aus angesehener Familie und sind in ihrer Kindheit verwechselt worden. Der eine Bruder(Reinhard) erzählt hiervon folgendes:„Als Säuglinge wurden wir von der Amme, die uns badete und die uns dabei das zur Erkenntnis am Arm getragene blaue und rote Bändchen abnahm, verwechselt. Nachdem sie einen Augenblick das Zimmer verlassen hatte, konnte sie nachher nicht mehr feststellen, wer der Reinhard und wer der Dorian sei. Amme, Pastor, Arzt und Eltern kamen dann zu der Entscheidung, daß ich wohl Reinhard getauft und der andere Dorian. Mit Bestimmtheit ist dies aber, so sagte mir meine Mutter jetzt noch, nie mehr klargestellt worden.”
Als sie nach der Rückkehr aus dem Feld in das väterliche Geschäft eintraten, wirt- schafteten sie dort in unglaublicher Weise, richteten es völlig zugrunde und kamen durch Betrugsmanöver, durch die sie sich zu retten versuchten, ins Gefängnis. KRANZ urteilt über sie folgendermaßen:
„Das Kriminalitätsbiogramm der Zwillinge Nanuk bietet wie das ganze Leben so außer- ordentliche Ähnlichkeiten, daß man geradezu von einer photographischen Treue derbeidenLebensbilder sprechen muß, bis erst etwa vom 30. Jahre ab die Wege auseinandergehen. Während es nämlich von da ab Reinhard gelingt, sich zu resozialisieren, findet Dorian aus seiner kriminellen Laufbahn nicht mehr heraus. Bis dahin aber verläuft das Leben durchaus parallel, nur mit geringen zeitlichen Verschiebungen. Beide gehen zu gleicher Zeit ins Feld, werden dort gleichmäßig befördert, übernehmen zusammen das väter- liche Geschäft und ruinieren es in gleicher Weise, Dorian beginnt mit 23 Jahren, Reinhard 4 Jahre später mit seinen Vergehen. Und diese sind bei beiden völlig übereinstimmend; in der Hauptsache handelt es sich um Betrügereien, Unterschlagungen und Urkundenfälschungen, die in ganz gleicher Weise angelegt sind und aus der gleichen Motivierung stammen. Leicht- fertiger und verschwenderischer Lebenswandel verschlingt Gelder, die auf unrechtmäßige


