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Zwillinge : Einführung in die Zwillingsforschung / von Reinhold Lotze
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138
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138 Zwillingsforschung an seelischen Eigenschaften

Weise eingebracht werden müssen, Beide treten mit ihren Damen großartig auf. Zeitweise Zerwürfnisse mit den Eltern ergeben neue Notsituationen, So löst ein Betrug den andern ab. Nicht die fraglichen Verschüttungen im Kriege sind schuld an Dorians späteren Entgleisungen: beide sind psychopathische Menschen hyperthymen Schlages. Ganz gleich auch verläuft beider Eheleben. Beide heiraten, aber schon nach kurzer Zeit können die Frauen, die vor- her vergöttert, nun aber im Stich gelassen werden, das Zusammensein mit ihnen nicht mehr ertragen und lassen sich scheiden. Dorians Frau endet auf ungeklärte Weise im Kanal, So bietet sich in dem Leben dieses Zwillingspaares ein Bild tragischer Schick- salsgleichheit, Es ist von tiefer Bedeutung, daß beide nicht einmal mit Sicherheit wissen, ob sie nicht vielleicht den Taufnamen des anderen bekommen haben. So sehr hat man sie als Kleinkinder verwechseln müssen.

Einen ganz besonders merkwürdigen Fall der Übereinstimmung an EZ erzählt| Kranz von zwei Brüdern, die beide unabhängig voneinander dieselbe perverse Trieb-| richtung(Wäschefetischismus) aufweisen und deshalb vor Gericht kommen. Beide Brüder versuchen, ihre unglückselige Neigung zu überwinden und unterliegen doch immer wieder der Gewalt ihres Triebes; er bricht in genau der gleichen Weise bei beiden Brüdern immer wieder durch.

Im vorstehenden sind Fälle konkordanter EZ wiedergegeben worden. Wenn Konkordanz auf Grund gleicher Anlage die Regel ist, so ist es klar, daß die diskor-| danten EZ besondere Aufmerksamkeit verdienen, Sie können unter Umständen zeigen, wie besondere Umweltverhältnisse bei gleichen Erbanlagen verschiedene Ver- haltungsweisen hervorrufen können. Im folgenden soll ein von Kranz berichteter Fall zweier diskordanter Zwillingsschwestern wiedergegeben werden.

Die Schwestern Hermine und Henriette Eikelow(24 Jahre alt) sind ganz gleich- artige Persönlichkeiten, Ihr Leben verläuft auf niedriger sozialer Ebene, Ihre Herkunft aus Arbeiterkreisen und ihre mäßige Intelligenz prädestinieren sie dazu. Die mangelhafte Er- ziehung in der Kindheit war sicher von ungünstigem Einfluß. Von dumpfen Trieben sind beide beherrscht, die sie ziemlich hemmungslos ausleben. Ungefähr gleichzeitig, mit 16 oder 17 Jahren, beginnen ihre sexuellen Beziehungen, bei denen sie keineswegs wählerisch sind. Henriette torkelt, noch nicht 19 Jahre alt, in die Ehe mit einem psychisch kranken primi- tiven Menschen, der schon nach kurzer Zeit durch Selbstmord endet. Ihr neues Eheverhält- nis, das sie eben zu legalisieren im Begriffe stand, nachdem sie schon lange mit dem neuen Bräutigam die Wohnung teilte, stand wieder unter ungünstigsten Vorzeichen. Auch dieser Mann ist ein Psychopath, ein degenerierter Trinker mit Anfällen, vielleicht ein Epileptiker. Nebenbei soll sie aber auch mit Herminens Mann angebandelt haben,

Diese hat sich gleich mit mehreren Männern eingelassen. Mit 19 Jahren durch eine Schwangerschaft in die Enge getrieben, macht sie in ihrer Not einen mißglückten Abtreibungs- versuch, und als das Kind geboren ist, verfängt sie sich unter dem Kreuzfeuer der Männer, die sich alle um die Verantwortung drücken wollen und sie bedrängen, in unüberlegte und verworrene Widersprüche, die sie schließlich als Meineidige ins Zuchthaus bringen. Es ist eine tragische Verkettung von Umständen, die das unglückselige Wesen in diese verzweifelte Lage bringen, Hinterher geht auch sie dann eine völlige Fehlehe ein. Sie gerät an einen herz- losen Menschen, der sie nicht liebt und ihr ihre Vergangenheit ewig vorhält, der sie brutal behandelt und ihr nicht treu ist. Die neuerliche Überführung ins Zuchthaus setzt den vor- läufigen Schlußstrich unter ihr verpfuschtes Leben.

Neben der Kritiklosigkeit und ungehemmten Triebhaftigkeit gibt es aber noch viel anderes Gemeinsames im Charakter der Schwestern. Beide sind frech, zänkisch, unreife, infanti- listische Naturen, Aber auch in den Lichtseiten ihres Charakters sind sie sich ähnlich. So haben sie ohne Zweifel viel und fleißig gearbeitet, haben, wenn das Leben ihnen wieder ein- mal übel mitgespielt hatte, immer wieder versucht, sich durchzuschlagen, ja der Kampf, den Hermine in verzweifelter Situation um ihre Existenz geführt hat, entbehrt nicht heroischer Züge, Sie hat sogar den Mann, der an ihrem Unglück schuld war, nicht verraten! Beide hängen an ihren Kindern mit großer Liebe.

Gerade aus ihrer charakterlichen Gleichartigkeit heraus ergibt sich, daß der ursprünglich gute Zusammenhalt bald einem gegenseitigen Feindschaftsverhältnis Platz machte,