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Zwillinge : Einführung in die Zwillingsforschung / von Reinhold Lotze
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136
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136 Zwillingsforschung an seelischen Eigenschaften

Luitpold ging es im ganzen besser, Wegen Schulversäumnis wurde er mit Haft bestraft; mit 16% Jahren erhielt er eine Strafe wegen Körperverletzung. Nach dem Krieg, in dem er schwer verwundet wurde, heiratete er, ließ sich aber dann wieder scheiden und hatte daneben wie sein Bruder noch zwei Verhältnisse, von denen er je ein Kind bekam. Dann heiratete er eine äußerst tüchtige Frau, die ihn fest an die Zügel nahm. Er muß sich nunmehr lenken und leiten lassen wie ein Kind und macht alles, was sie haben will. Sie läßt ihn nicht allein ausgehen, denn in schlechter Gesellschaft ist er nicht zu halten. Er muß mit in die Kirche und Mission, wo er so weich ist, daß er oft weint. Er darf nicht mehr trinken und tut dies auch tatsächlich nicht mehr. LANGE urteilt über die beiden Brüder folgendermaßen:

Das spätere äußere Schicksal der Brüder scheint verschieden genug und man könnte zur Erklärung an die verschiedenartigen Erziehungseinflüsse in den Kinderjahren denken. Den- noch geht das schwerlich an, und ein näherer Einblick zeigt, daß beide ganz aus dem gleichen Stoffe, vor allem ganz ohne Willensfestigkeit sind, und daß sie jeweils zum Produkt der Umgebung werden, in der sie sich, mehr oder weniger zufällig, befinden.

So führt die Gesellschaft schwerer Jungen den Ferdinand zu seinen ersten Straftaten. Nach der Fahnenflucht führt sich Ferdinand im Felde so gut, daß ihm seine Strafe erlassen wird. Unter dem Einfluß seiner üblen ersten Frau und der neuen Geliebten und späteren zweiten Frau, die ihn offenbar mit festen Banden hält und dirigiert, bleibt er auf deren tiefem Niveau. Daß aber auch Luitpold dauernd entgleisungsbereit ist, weiß niemand besser als seine jetzige tüchtige Lebensgefährtin,

Es ist ein scheinbar himmelweiter Unterschied zwischen dem biederen Handwerker und Pantoffelhelden, der in der Kirche Tränen vergießt, und dem verkommenen Mann, der immer wieder betrunken auf der Straße liegt und in Gemeinschaft eines üblen Frauenzimmers auf Handelschaft zieht. Aber esist der gleiche Stoff, aus dem verschieden- artige aktuelle Außeneinflüsse diese voneinander abweichenden Bilder formen. Eigeneerworbene Entwicklungsgesetze haben da- mitnichtsoder wenig zutun, Auch der jetzige Pantoffelheld war ja wenige Jahre zuvor völlig ‚verkommen, ‚heruntergerissen, der Eckensteher und Säufer von heute aber vor kurzem noch nach seiner ersten Entgleisung lange Jahre hindurch ein tadelloser un- beanstandeter Soldat,

Im ganzen wird man sagen können, daß bei den Brüdern Schweizer äußere Einflüsse zu einer klaren Wirkung kommen, Es liegt dies aber nicht an diesen äußeren Einflüssen selbst als vielmehr an der angeborenen Artung, die beide Brüder jeweils den stärkeren Einflüssen, guten oder schlechten, hemmungslos preisgegeben sein läßt. Das Entscheidende bleibt also auch hier mit größter Wahrscheinlichkeit die anlagegemäße seelische Beschaffenheit."

Von den durch Stumprr inUrsprünge des Verbrechens(1936) mit- geteilten Fällen konkordanter EZ sei nachstehend einer wiedergegeben.

Franz und Kar| Niederhauer(32 Jahre alt). Der Vater besitzt ein Anwesen, ist ein guter Mensch, aber willensschwach. Weil er als Kind angeblich immer schwach war, konnte er die Bauernarbeit nicht verrichten und wurde Forstaufseher. Daß er keine sehr hohe Auf- fassung von seinem Beruf haben konnte, zeigte sich darin, daß ein Teil seiner Söhne hervor- ragende Wilderer gestellt hat. Die Mutter ist schwach begabt, aber sehr arbeitssam. Unter den Geschwistern der Zwillinge befinden sich zwei vielfach vorbestraite Brüder; einer von den beiden ist ein gewiegter Wilderer.

In der Schule war Franz von seinem Bruder Karl nicht zu unterscheiden, Beide waren verlogen; sie konnten nicht einmal bei der Schlußprüfung dreizifferige Zahlen anschreiben. Obwohl in einem, allerdings verkommenen, landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen, können die Zwillinge weder mähen noch ackern noch die Felder richtig bestellen. Sie sind keine ausgesprochenen Einbrecher, aber sie wildern mit Vorliebe, räumen auch mal die Felder ab, handeln mit Autoreifen und basteln an ihren Motorrädern herum. Dem Dorf gegenüber schließen sie sich vollkommen ab, lassen sich nicht in die Karten sehen. Im Stall haben sie nur noch zwei Kühe stehen. Im Ort selbst stehlen sie nicht, nur auswärts, Nachts brausen sie auf ihren Motorrädern herum. Bei allen Unternehmungen war Karl von Kindheit an mehr der führende Teil. Das erwies sich schon bei den beliebten Raufereien in der Schule, es kommt aber auch in der Kriminalität zum Ausdruck, Während Franz wegen fahrlässigem Falscheid, Betrug, Privaturkundenfälschung und Meineid bestraft ist, ist Karl einmal wegen Diebstahl, einmal wegen Jagdfrevel und mehrfach wegen Körperverletzung und Hausfriedens-