28 Menschliche Doppelmißbildungen
Stand der Operationstechnik, die Antisepsis und Asepsis noch nicht kannte, in den meisten Fällen den Tod an eiteriger Bauchfellentzündung.— Ihre letzte Schau- stellungsreise überlebten die Zwillinge nicht lange. Eine starke Erkältung Changs führte zu einer Lungenentzündung; etwa zwei Stunden nach Changs Tod starb auch Eng, Die Sektion ergab, daß sich im Verbindungsstrang zwei Ausstülpungen der Bauchhöhle befanden, außerdem ein Blutgefäß, welches die beiden Lebern mitein- ander verband, und zwei Arterien. Dieser Befund bestätigte die Ansicht Vırcnows von der Unmöglichkeit einer trennenden Operation,
Die siamesischen Zwillinge waren durch den Schwertfortsatz(Processus xiphoi- deus) des Brustbeins miteinander verbunden, Die Wissenschaft, die ein System der Doppelmißbildungen aufgestellt hat, bezeichnet sie damit als Xiphopagen. Gleich- falls an der Vorderseite des Körpers miteinander verbunden sind die Sternopagen, bei welchen das ganze Brustbein(Sternum) gemeinsam ist, und die Thoracopagen, bei denen Teile des Brustkorbs(Thoracus) der beiden Zwillinge miteinander ver- wachsen sind. Einige Mißbildungen sind schon durch eine Operation getrennt worden; die erste erfolgreiche Trennung bei einer allerdings nur geringen Verwach- sung wurde sogar schon im Jahre 1689 durchgeführt. 1902 wurde in Paris das Xiphopagenpaar Radica-Doodica getrennt, weil das eine der 13jährigen Zwillingsmädchen tuberkulös erkrankt war; es starb kurz nach der Operation an jener Erkrankung, Ähnlich war 1900 die Operation bei dem brasilianischen Sterno- pagenpaar Rosalina-Maria verlaufen; eines der Kinder starb an den Folgen
der Operation. Eine zweite Gruppe von verwach-
senen Zwillingen sind die Pygopagen (griechisch pygos= das Gesäß), Die Verwachsungen sind bei ihnen, die meistens den unteren Teil der Wirbel- säule gemeinsam haben, noch inniger und weitergehend als bei der ersten Gruppe, die anatomischenVerhältnisse in der Verwachsungsgegend zum Teil überaus eigenartig. Eine operative Trennung ist bei Pygopagen noch nicht durchgeführt worden, Der Wissen- schaft ist eine Reihe solcher Doppel- mißbildungen bekannt, die zum Teil ein erhebliches Alter erreicht haben. Aus dem Mittelalter wird von den Biddenden Maids berichtet, die im 12. Jahrhundert in England gelebt haben und 34 Jahre alt wurden; sie starben im Abstand von 6 Stunden. Außerordentliches Aufsehen er- resten die Schwestern Helena und Judith, die 1701 in Ungarn geboren wurden, das„‚monstrum hunga- ricum”,. Sie waren im unteren Teil der Wirbelsäule sehr weitgehend ver- ° wachsen und scheinen auch eine Ver- Bild 20. Die verwachsenen ungarischen Schwe- bindung im Gefäßapparat der benach- stern Helena und Judith, das„monstrum barten Beine gehabt au haben. In ihrem hungaricum”. Nach der Dissertatio von Wil- 12. Jahr wurden sie auf bischöfliche helm Hulderich Waldschmiedt, Kiel 1709, Anordnung in ein Kloster gebracht, wo
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