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Zwillinge : Einführung in die Zwillingsforschung / von Reinhold Lotze
Entstehung
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Chang und Eng 27

Bewegungen ein. So erzählten sie mir, daß sie auch auf die Jagd gingen, und als ich sie fragte, was sie da machten, erhoben sie beide zugleich ihre Arme in Schußstellung, so plötz- lıch, als wenn eine elektrische Bewegung in sie gefahren wäre. In derselben Weise erfüllt sie gleichzeitig Freude, Aufregung, Zorn. Nichtsdestoweniger werden wir uns begnügen müssen, diese Übereinstimmung, welche in der letzten Zeit nur dadurch etwas gestört wird, daß beide anfangen, taub zu werden, und zwar der eine schneller als der andere, auf eine Gemeinsamkeit der Keimanlage und auf lange, gemeinsame Übung und gegenseitige Er- ziehung zurückzuführen.... Wir müssen ihre zum Teil gewiß nur gewohnheitsmäßige Har- monie daraus erklären, daß auch ihre geistigen Apparate auf einer einzigen Keimanlage be- ruhen, wie das für den ganzen Körper der Fall ist. Da sie von einem Keim stammen, mithin auch ihre Gehirne aus einer ursprünglich einheitlichen Anlage hervorgegangen sind, so be- greift es sich, daß auch sie, wie die übrigen Körperteile, gleichartig beschaffen sind.

Die frühere Ansicht über die Entstehung von Mißbildungen war, daß sie durch die Verwachsung zweier verschiedener Keime zustande kämen. Demgegenüber trat Vırcuow mit Entschiedenheit und Klarheit für die Ansicht ein, daß sie durch die Spaltungeiner einheitlichen Keimanlage entstanden seien. Die Gründe, die er gegen die Verwachsungstheorie anführt, sind folgende: Der Eihaut- befund stimmt mit der Vorstellung einer Verwachsung verschiedener Keime nicht zusammen, Mißbildungen werden immer in einheitlichem Chorion und Amnion ge- boren; verschiedene Keime müßten ihre eigenen Eihäute haben. Es ist nicht vor- stellbar, wie diese bei einer Berührung der Keime verschwinden könnten, Die Tat- sache, daß Doppelmißbildungen immer gleichgeschlechtig sind, spricht gleichfalls für die Entstehung aus einem Keim, ebenso die vollkommene Gleichheit im Körper- lichen wie im Geistigen. Auch der Umstand, daß immer homologe Teile der beiden Partner verwachsen sind, läßt sich nur aus der Spaltung eines Keimes erklären. Schließlich weist er darauf hin, daß derartige Spaltungen bei Tieren auch schon experimentell erzeugt wor- den seien, und daß sich durch die Theorie der Tei- lung die Verdoppelung in je- dem Fall erklären lasse, ein doppelter Finger ebenso wie ein doppeltes Wesen,

Vırcnow hat damit durch- aus entscheidende Gründe angegeben; es ist beachtens- wert, daß er den Gesichts- punkt der Erbgleichheit viel schärfer und viel klarer er- kannt hat, als seine Zeit dies sonst tat.

Die Frage, ob eine ope- rative Trennung der beiden siamesischen Zwillinge mög- lich sei, ist damals lebhaft erörtert worden. Auch Vır- cHow hat sich mit ihr aus- einandergesetzt und kam zu dem Ergebnis, daß eine solche höchstwahrscheinlich tödlich verlaufen würde, da die Bauchhöhle geöffnet wer- den müßte; das bedeutete

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aber bei dem damaligen Bild 19. Chang und Eng im Alter von 59 Jahren.