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Zwillinge : Einführung in die Zwillingsforschung / von Reinhold Lotze
Entstehung
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26 Menschliche Doppelmißbildungen

dann zur Schaustellung nach Amerika und Europa ge- bracht. Von da kehrten sie nach Amerika zurück, setz- ten sich mit dem erworbenen Geld zur Ruhe und verhei- rateten sich dann mit zwei Schwestern, Jeder der bei- den Zwillinge wurde Vater von 9Kindern, Beide hatten für ihre Familie ein eigenes Haus; in der Bewohnung ih- rer Häuser wechselten sie nach festgelegtem Planab, so daß jeweils immer der eine beim andern zu Gaste war. Ihr Verhältnis war durch- aus nicht immer gut; ein- mal gingen sie sogar gegen- einander vor Gericht. Im Charakter wiesen sie trotz der Grundtatsache starker Ähnlichkeit doch auch Ver- schiedenheiten auf, Eng war der geistig Interessiertere, Chang hatte später einen starken Hang zum Alkohol, Vermögensverluste zwangen sie 1869 nochmals auf Reisen zu gehen. Aus jener Zeit wird folgendes über sie be- Bild 18, Die siamesischen Zwillinge Chang und Eng im richtet:Sie waren von un-

Alter von 18 Jahren.(Aus Holländer.) tersetzter Statur und etwas schwächlich. Ihre einander

zugekehrten Arme legten sie meist auf den Rücken, Die inneren Augen waren schärfer als die äußeren; Chang war beiderseits schwerhörig, Eng nur auf einem Ohr, Sie konnten gut gehen, laufen und schwimmen; ihre Bewegungen erschienen dabei so harmonisch, als seien sie von einem Willen beseelt,

Das Verbindungsband der Brüder erstreckte sich vom unteren Ende des Brust- beins bis zum Nabel; dieser war einfach. Nur in der Mitte des Strangs in recht geringer Breite war das Gefühl für beide Brüder gemeinsam. 1870 zeigten sich die siamesischen Zwillinge in Berlin und wurden hier von Vırcnow genau untersucht. In dem Bericht, den er über seine Untersuchung gegeben hat, setzt er sich mit der damals lebhaft aufgeworfenen Frage auseinander, ob eine vollkommene Einheit des Lebens und des Geistes in diesen beiden Individuen vorhanden sei. Er gibt darauf die für ihn selbstverständliche Antwort, daß es sich um zwei geistig völlig unab- hängige Wesen handle, von denen jedes sein eigenes Leben führe, Dabei fiel ihm allerdings aufs stärkste auf, wie gleichartig die Lebensäußerungen der beiden waren. Er sagte von ihnen:

Alles an ihnen ist harmonisch, nicht nur im Aussehen und Bau, sondern auch in den Verrichtungen. Die Respiration, die Herzbewegung, die Bewegungen des Körpers überhaupt gehen für gewöhnlich so übereinstimmend vor sich, daß es scheint, als ob sie nur durch einen Willen bestimmt würden, Am meisten tritt dieser Eindruck bei schnellen und unerwarteten