Pygopagen 29
sie im Alter von 21 Jahren fast in der gleichen Minute starben. In einer„Disputation”, die über den merkwürdigen Fall veröffentlicht wurde, wird mit Ernst die Frage er- örtert, ob die Seelen der beiden Schwestern wie ihre Körper eine Monstrosität dar- stellten, ob es eine oder zwei Persönlichkeiten wären und ob deshalb beide zu taufen seien, ferner wie die göttliche Gnade sich auswirken würde, wenn etwa eine von ihnen ein Verbrechen begangen hätte und zur Höllenstrafe verurteilt würde. In einer anderen Abhandlung wurde die Frage gestellt, ob die beiden Schwestern einst vereint oder getrennt auferstehen würden, und diese dahin entschieden, daß ein Wiederaufleben mit vereinten Körpern nicht notwendig sei. Das Zusammengewachsensein sei neben- sächlich und noch kein Zustand der höchsten Vollkommenheit; diesen Zustand der Unvollkommenheit werde daher Gott bei der Auferstehung auflösen,
Die Schwestern Millie und Chrissie, die sogenannte„zweiköpfige Nachtigall“, waren ein Pygopagenpaar, das 1851 in Nordkarolina geboren worden war. Der Vater war ein Neger, die Mutter hatte Neger- und Indianerblut. Nach den Worten Vırcnows, der sie 1873 untersuchte, kam dem Fall noch viel srößere Aufmerksamkeit zu als den beiden Siamesen Chang und Eng. Die beiden Zwillinge waren bei der Geburt in der Größe sehr verschieden; von dem Gesamt- gewicht von 15 Pfund wurden für die schwächere Schwester nur 3 Pfund geschätzt. Ein kleiner Unterschied blieb zurück; im übrigen zeigte sich bei den Schwestern eine geradezu vollkommene Übereinstimmung der Gesichtszüge. Der ganze untere Teil
Bild 21. Die verwachsenen Brüder Lucio und Simplicio Godino mit ihren Frauen, eineiigen Zwillingsschwestern.


