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Zwillinge : Einführung in die Zwillingsforschung / von Reinhold Lotze
Entstehung
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Erforschung der Keimesgeschichte 15

schließlich lückenhaft und geht gegen Ende des dritten Monats der Embryonalent- wicklung zugrunde; sie ist dann nur noch auf der Außenseite des Chorions in ein- zelnen Resten nachzuweisen.

Bei der Geburt reißen die Eihäute ein, das Fruchtwasser entleert sich und das Kind wird ausgetrieben, Der aus dem früheren Haftstiel hervorgegangene Nabelstrang, mit dem es nach seinem Austritt noch mit der Plazenta zu- sammenhängt, muß abgebunden und durchgeschnitten werden, Einige Zeit nach der Geburt des Kindes löst sich die Plazenta samt den Eihäuten als Nachgeburt los.

Was damitals Keimesgeschichtedes Menschen in großen Zügen dar- gestellt wurde, ist das Ergebnis einer langen Forschungsarbeit, die zu ganz ver- schiedenen Zeiten an ganz verschiedenen Stellen des Entwicklungsgangs eingesetzt hat, bis sich schließlich die Lücken in der Hauptsache geschlossen haben, Es ist be- greiflich, daß über die spätere Keimesentwicklung und die Anatomie der Eihäute von geburtshilflicher Seite her zuerst Klarheit geschaffen wurde. Erst eine viel spätere Zeit hat dann die Entwicklung in ihren Einzelheiten aufgeklärt. Karı von Baer hat 1827 als erster das menschliche Ei gesehen. Seit der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts haben wir dann Einblick in die frühen Stadien der Entwicklung gewonnen, Die Entwicklung des Eis von der Befruchtung bis zur Einpflanzung im Uterus ist bis heute noch nicht beim Menschen selbst beobachtet worden. Ähnliches gilt für die Stadien der Entwicklung bis zur Bildung des Amnions und Embryonal- schilds. Untersuchungen bei Säugetieren müssen und können hier die Lücken schließen. Die Jahre nach 1875, in dem Oskar Herrwıc als erster am Seeigelei den Vorgang der Befruchtung beobachten konnte, haben dann weiterhin das Wesen dieses für das Leben grundlegenden Vorgangs aufgeklärt, und nicht lange darauf ist die Forschung auch auf die besondere Bedeutung des Zellkerns und der in ihm zu beobachtenden Gebilde aufmerksam geworden. Im 20. Jahrhundert hat dann die Einsicht in die Tatsachen der Vererbung, die zusammen mit den Beobachtungen über den Feinbau des Kerns zur Chromosomentheorie der Vererbung geführt haben, weitere Klarheit geschaffen, und erst die letzten Jahre haben uns in die besonderen Chromosomenverhältnisse des Menschen tieferen Einblick gewährt,

So haben sich im Verlauf der Forschung die Erkenntnisse aneinandergefügt; heute kann die Keimesgeschichte des Menschen in der Hauptsache als geklärt gelten.

2. Die Entstehung von Zwillingen und höheren Mehrlingen

Auf Grund der Kenntnis der normalen Keimesentwicklung ist nun auch ein zu- reichender Einblick indieEntstehung von Zwillingen möglich, Der Mensch ist ein Lebewesen, bei dem die Einfrüchtigkeit die Regel ist. Schon die Form des einheitlichen, nahezu kugelförmigen Uterus weist darauf hin. In regelmäßigen Ab- ständen von 28 Tagen löst sich im Ovarium der Frau jeweils ein befruchtungs- fähiges Ei los. Es ist aber im Ausnahmefall auch möglich, daß sich gleichzeitig zwei Eier loslösen und zur Befruchtung gelangen. Nach ihrem Eintritt in den Uterus können sich die beiden Keime mehr oder weniger weit voneinander entfernt in die Schleimhaut einpflanzen. Falls die Einpflanzungsstellen erheblich auseinander liegen, so bildet sich für jeden der beiden Keime, die je für sich völlig unabhängig voneinander ihre Entwicklung durchmachen, eine besondere Plazenta aus(Bild 9a). Falls die Einpflanzungsstellen nahe beieinander liegen, so entwickelt zwar auch dann jeder Keim seine besonderen eigenen Hüllen; die von der mütterlichen Seite her gebildeten Plazenten können aber weithin miteinander verschmelzen und zu einer einheitlichen Bildung zusammenwachsen; beide Keime werden dann auch von einer einheitlichen Decidua capsularis umhüllt(Bild 9b), Die Ursache der