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Das Inferno®°)
Wir meinen, aus luftigem Raum in ein überfülltes, stinkendes Gefängnis zu kommen. Wir sind keine Menschen mehr, nur noch Teil einer abscheulichen Masse. Jeder darf uns schlagen. Im„arischen“ Stadtteil leben auf dem Hektar zehnmal weniger Menschen als bei uns. Dort rottet man aber auch nur die Intelligenz aus— hier aber alle. Dort darf man wenigstens wie ein Bettler vegetieren— hier ist jedem ein jämmer- licher Tod bestimmt. Auf den Straßen ist ein solches Gedränge, daß man nur schwer vorwärtskommt. Jeder ist zerlumpt. Manche haben oft nicht einmal mehr ein Hemd. Und überall gibt es Lärm und Geschrei. Doch die dünnen, erbärmlichen Kinderstimmen übertönen es noch:„Ich ver- kaufe Beigel(Hörnchen), Zigaretten und Bonbons!“
Wer diese Kinderstimmen hörte, wird sie kaum vergessen können.
Auf den Bürgersteigen häufen sich Unrat und Abfälle. Es kommt vor, daß ein Kind dem Vorübergehenden sein Paket entreißt und sich heiß- hungrig im Davonrennen schon über den eßbaren Inhalt desselben her- macht. Natürlich versucht die Menge, so ein Kind wieder einzufangen. Und wenn man es erwischt und schlägt, von seinem Mahl läßt sich das junge Wesen dennoch nicht abhalten.
Hunger°®) I 20. Mai 1941
In der Nowolipkistraße 25 hat es bisher noch keinen Todesfall ge- geben. Sie haben dort alle Epidemien heil überstanden. Aber am 18. Mai holte man gleich drei Tote heraus. Sie starben am Hunger.
Eine schwache Frau liegt mit Tuberkulose im Bett. Das Haus- komitee?”) beschloß, ihr zusätzliche Nahrungsmittel zu geben, doch sie
25) Prof. Dr. Ludwik Hirszfeld in„Historia jednego zycia“(Geschichte eines Lebens), Warschau 1946(Poliakov-Wulf I, Seite 274) Prof. Hirszfeld war bei Kriegsausbruch Direktor des Bakteriologischen Universitäts-Instituts Warschau. Obwohl getauft, mußte er als„Rassejude“ am 26. II. 1941 ins Warschauer Ghetto, wo er sein Buch heimlich schrieb. Er starb nach dem Krieg.
26) Archiv Ringelblum II. Aus Mordechaj Schwarzbards im Ghetto Warschau ge- schriebenen Tagebüchern. Er ist umgekommen.
27) Siehe Hausgemeinschaften 5. 31.
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