Druckschrift 
Vom Leben, Kampf und Tod im Ghetto Warschau / Josef Wulf
Entstehung
Seite
11
Einzelbild herunterladen

3. Das Ringelblum Archiv

Als man den s1jährigen Simon Dubnow den Verfasser der zehn- bändigenWeltgeschichte des jüdischen Volkes#) am 8. Dezember 1941 in Riga zur Richtstätte führte, soll er gerufen haben:Juden, berichtet davon! So jedenfalls erzählen Zeugen, die ihn seinen letzten Gang antreten sahen.

Sehr viele Juden unternahmen es, in Ghettos und Lagern ihre Er- lebnisse niederzuschreiben. Es handelte sich dabei nicht etwa nur um Historiker, Schriftsteller oder Journalisten, sondern um ganz gewöhn- liche Sterbliche, die nichts mit Schriftstellerei oder dergleichen zu tun hatten. Fast jeder, der im Ghetto oder Lager den Golgathaweg der Vernichtung ging und überlebte, traf diese Laien-Chronisten. Ihre Niederschriften gingen allerdings nur allzu oft den gleichen Weg, den Millionen von Juden gehen mußten und wurden vernichtet. Aber sie überlebten auch wie einzelne Juden im Versteck und sind so heute wenigstens teilweise der Nachwelt überliefert worden. Über eine dieser unzähligen Chroniken soll hier wenigstens berichtet werden, denn viele,sehrvielederhierwiedergegebenenDoku- mente stammen aus ihr. Es handelt sich dabei um das Ar- chiv Ringelblum.

Dr. Emanuel Ringelblum ist am 12. November 1900 geboren worden und Verfasser vieler Werke und Studien, die sich mit der jüdischen Geschichte befassen. Er organisierte im Ghetto Warschau den sogenann- tenOneg Sabbath. In Wirklichkeit handelte es sich bei dieserSab- bath-Feier um nichts anderes als eine getarnte Untergrundbewegung, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, sämtliche Unterlagen und Doku- mente über die Vernichtung des polnischen Judentums zu sammeln und gut aufzubewahren. Ringelblum und sein Stab notierten alles, was sie selbst erlebten und mitmachten, aber auch, was sie nur hörten. Außer- dem organisierten sieAnketen über verschiedene Aspekte des Ghet- tos und seiner Bewohner. Sie sammelten jedes Dokument über diese Themen. Außerdem gehörte Dr. Ringelblum zu den Anführern der jüdischen Untergrundbewegung und sorgte in dieser Eigenschaft auch

8) Jüdischer Verlag, Berlin 1925.

11