weil der der Schneiderzunft angehörende Meister Foks angeblich von einem jüdischen Berufsgenossen ermordet worden sein sollte; am ersten Weihnachtsfeiertag 1881 erscholl plötzlich in der Warschauer Kirche „Zum Heiligen Kreuz“ ein Ruf:„Feuer! Feuer!“ Bis man herausfand, daß es sich um einen blinden Alarm handelte, war bereits ein wilder Pogrom ausgebrochen, da das vermeintliche Feuer angeblich von Juden entzündet worden war.
Andererseits fand im Jahre 1794 fast die gesamte„Jüdische Legion“ unter Kommando von Berek Joselewicz im Kampf gegen Suworow den Heldentod, und als Polen sich 1863 gegen Rußland erhob, ging die patriotische Gestalt des Warschauer Rabbiners Meisel in die polnische Geschichte ein.
Obwohl es manchem in unserer Zeit paradox und überspitzt erscheinen mag, könnte man fast wagen zu behaupten, seit dem 15. Jahrhundert, in dem es in Warschau das„Privilegium de non tole- randis Judaeis“ gab, sei eigentlich für die Juden dieser Stadt mit der deutschen Besatzung im Ersten Weltkrieg fast erstmalig die Gelegen- heit gekommen, eine bürgerliche und politische Freiheit uneingeschränkt in vollen Zügen zu genießen. Von besonderer Bedeutung dürfte damals dabei allerdings der Aspekt gewesen sein, daß ja die deutschen Truppen gegen Rußland— das Land der Pogrome— kämpften.
In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen wurde Warschau dann zum anerkannten jüdischen Kulturzentrum, zum beherrschenden Mittel- punkt alljüdischen Lebens. Unzählige Schulen wurden gegründet und in ihnen lehrte man Yiddisch, Hebräisch und Polnisch. Das Jüdische Theater erlebte seine Blütezeit. Jüdische Schauspieler wurden berühmt. In yiddischer Sprache erschienen große Tages-, Wochen- und Monats- zeitungen oder Zeitschriften, die reißend Absatz und ein begeistertes Publikum fanden. Auf allen Gebieten— Politik, Wirtschaft, Wissen- schaft und Kunst— entwickelten sich hervorragende Persönlichkeiten, deren Ruf Polens Grenzen weit hinter sich ließ und gar über den euro- päischen Kontinent hinausdrang.
Ende 1939 lebten in Warschau 359 827 Juden). Im Jahre 1945 war dann ihre Zahl auf 6 000 zusammengeschrumpft.
f) Dr. Filip Friedmann:„Zaglada Zydow Polskich“(Die Vernichtung der polnischen Juden), München 1947, Seite 9.
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