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Vom Leben, Kampf und Tod im Ghetto Warschau / Josef Wulf
Entstehung
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gleichzeitig dafür, daß durch Kuriere auf heimlichen Wegen viele Nach- richten über die Ausrottung der polnischen Juden ins Ausland gelangten.

In seinen Notizen vom 10. Juni 1942 schreibt er®):

In den letzten Wochen brachte das englische Radio Berichte über die an den polnischen Juden in Chelmno, Wilna, Belzec u. a. begangenen Bestialitäten. Heute brachte der Sender eine Zusammenfassung der Be- richte, und es wurde die Zahl von 700 000 in Polen ermordeten Juden genannt. Man kündigte Vergeltung für die verübten Schandtaten an. DieOneg Sabbath-Gruppe hat also ihre große historische Aufgabe erfüllt. Sie hat die Welt von unserem Schicksal unterrichtet und viel- leicht Hunderttausende polnischer Juden vor der Vernichtung gerettet. Das wird sich allerdings erst in der Zukunft herausstellen. Wer mag von unserer Gruppe überleben? Wen wird das Schicksal bestimmen, das gesammelte Material zu bearbeiten? Eines steht heute schon fest: Unsere Mühen und Opfer, unser Leben in dauernder Angst, sind nicht umsonst gewesen. Auch wir vermochten dem Feind einen Schlag zu versetzen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Aufdeckung des unglaublichen Juden- Mordens Eindruck macht, ob das Hinschlachten ganzer jüdischer Gemein- den aufhört. Wir wissen, wir haben unsere Pflicht getan. Wir haben erreicht, was wir uns vornahmen, und wenn es noch so unmöglich schien. Unser Tod wird auch nicht so unsinnig sein wie der von vielen Zehntausenden anderer Juden, denn uns gelang es, dem Feind einen Schlag zu versetzen. Wir haben seinen teuflischen Plan, das polnische Judentum heimlich und in aller Stille auszurotten, aufgedeckt. Wir konnten ihm einen Strich durch die Rechnung machen.

Wie sehr Dr. Ringelblum von seiner historischen Mission und der Wichtigkeit seiner Arbeit durchdrungen war, wie er an sie glaubte, geht wohl eindringlich aus den Zeilen hervor.

Alles, was er und seine Mitarbeiter notierten und sammelten, wurde in Metallkisten oder Milchkannen verstaut und dann in einem Keller des Warschauer Ghettos vergraben.

Nach dem Kriege begann man in Warschau, diesen Keller zu suchen. In der riesigen Steinwüste des einstigen Ghettos war dies nicht gerade leicht. Unter der Leitung des Architekten Pilszcezynski machte sich ein

h) Archiv Ringelblum I, Seite 239(siehe auch Abkürzungen).

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