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Carl Goerdeler und die Deutsche Widerstandsbewegung : mit einem Brief Goerdelers in Faksimile / Gerhard Ritter
Entstehung
Seite
10
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10 Vorrede

Ziel ia nicht sein darf, eine möglichst vollständige Aufzählung von»Widerstandskämpfern« unter Abwägung ihres jeweiligen Anteils an der Verschwörung zu bieten, sondern eine Geschichte der Widerstandsbewegung als Ganzes, gruppiert um eine füh- rende Gestalt und auf dem Hintergrund der Geschichte des Hit- ler-Reiches. Ganz verzichtet habe ich auf eine Darstellung des Ablaufs der Ereignisse am 2o. Juli 1944 und nicht nur deshalb, weil Goerdeler nichts mehr damit zu tun hatte. Sie hätte den Rah- men des recht umfänglich ee Buches gesprengt. Das über diese Ereignisse gesammelte Quellenmaterial hoffe ich später andernorts zu verwerten.

Kein Fachhistoriker, der sich mit Fragen der allerjüngsten, noch selbst erlebten Vergangenheit beschäftigt, wird dies leichten Herzens tun. Es ist schwer, bei so geringem zeitlichem Abstand einen Gesamtaspektzu gewinnen, der das einzelne in seinem Wert und Unwert, in seiner wahren geschichtlichen Bedeutung abzu- schätzen gestattet; esist qualvoll und oft enttäuschend, mit einem Quellenstoff zu hantieren, der sich gleichsam noch in flüssigem Aggregatzustand befindet, während der Arbeit fortlaufend noch anschwillt, aber auch oft unter den Händen zerrinnt. Man lernt dabei sehr eindringlich, wie aus den Ereignissen»Geschichte« wird: durch fortlaufend zur Legende erstarrende Mißverständ- nisse, Mißdeutungen, Halbwahrheiten der politischen Publizistik, der es so selten auf die reine Wahrheit, so überwiegend auf den politischen Effekt ankommt; durch Anklage und SelBsiverfeide sung der Kämpfenden, die ea beiden Seiten zu übertreiben und zu verzerren pflegen; mit einem Wort: in dicken Staubwolken, die das wirkliche Geschehen halb verschleiern. Dieses Geschehen klar zu erkennen in seinen wahren Zusammenhängen, aus tausend Mosaiksteinchen sich ein Bild zusammenzusetzen, das wenigstens in seinen Grundlinien den Tag überdauern kann, ist ein sehr müh- sames Geschäft; ich hatte oft die Empfindung bei der Arbeit, sie sei die mühsamste meines literarischen Lebenswerkes überhaupt. Aber sicherlich war es auch die bewegendste, die den ganzen Menschen in Anspruch nahm, nicht selten bis zu zitternder Er- regung. Denn wie könnte ein solches Buch ohne Leidenschaft geschrieben werden! Ob die Leidenschaft des Erkennens und persönlichen Miterlebens das nüchtern-kritische Urteil getrübt hat, mag der Leser selbst beurteilen. Meine Hoffnung ist, es möchte dadurch nur um so wachsamer geworden sein.

Aufalle Fälle: der Historiker darf nicht warten, bis die Legende

sich verfestigt hat. Er muß selbst mit Hand anlegen am Formeii des Bechichebildes unserer Zeit- auch wenn er Gefahr läuft,

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