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(18) Im Konzentrationslager Sachsenhausen 1938
-.. Wir wurden bald auf Lastkraftwagen geladen und abtransportiert. Niemand wußte, wohin. Nach langer Fahrt über die nördlichen Vororte Berlins landeten wir im Konzentrationslager Sachsen- hausen. Als wir in der Dunkelheit vom Wagen springen mußten, wurden wir von SS-Leuten mif Ohrfeigen, Fußtritten und Kolbenstößen empfangen. Dann wurden wir durch ein großes Tor auf den riesigen, durch drei große Scheinwerfer erleuchteten Lagerplatz getrieben. Dort wurden wir geordnet und durch eine Ansprache des Lagerkommandanten begrüßt. Er sagte ungefähr folgendes: „Ihr seid hier als Sühne für die feige Mordtat eures polnischen Rassengenossen Grünspan. Ihr müßt als Geiseln hier bleiben, damit das Weltjudentum nicht weitere Morde unternimmt. Ihr seid hier nicht in einem Sanatorium, sondern in einem Krematorium. Jedem Befehl der SS ist Folge zu leisten. Die SS hat das Recht, auf euch zu schießen, wann sie will. Unsere Jungens treffen ver- dammt gut. Weglaufen hat also keinen Zweck. Der Stacheldraht um das Lager ist mit Starkstrom geladen. Wer ihn berührt, ist sofort tot. Bei jedem Fluchtversuch wird geschossen. Eure Verpflegung müßt ihr abarbeiten. Wir werden dafür sorgen, daß eure dicken Bäuche verschwinden.”
Wir standen die ganze Nacht auf dem riesigen Appellplatz. Austreten war nicht erlaubt. Alle paar Minuten trafen neue Transporte ein. In den frühen Morgenstunden wurden wir in eine Baracke geführt und mußten uns dort vollkommen ausziehen. Geld und Wertsachen wurden uns gegen Quittungen abgenommen. Dann kamen wir nackt in einen Nebenraum, wo uns der Kopf geschoren wurde. In einem dritten Raum wurden wir dann mit leichter Unterwäsche versehen sowie einem blau-weiß gestreiften Drillichanzug. Schließlich wurden wir registriert und wieder zum Appellplatz zurückgeführt. Wir erkannten uns gegenseitig nicht mehr in diesem Aufzug.
Während wir da standen, belustigten sich die SS-Leute damit, uns wahllos zu ohrfeigen oder zu treten. In meiner Nähe stand ein riesengroßer, starker Mann, ein Mathematikprofessor. Als diesem von einem SS-Mann ein Faustschlag versetzt wurde, schlug er zurück, daß der SS-Mann hinpurzelte. Dies sah der Lagerführer und ließ ihn festnehmen. Auf seinen Wink wurde ein Holzbock heran- gebracht, und der Professor wurde über diesen festgeschnallt. Vier Männer waren dazu nötig, um ihn zu bändigen. Dann mußten wir alle einen großen Kreis bilden, und der Lagerführer verkündete mit lauter Stimme, daß der Jude Itzig zu 25 Stockschläger verurteilt sei. Und jetzt bot sich mir das menschenunwürdigste Schauspiel, das ich jemals in meinem Leben gesehen hatte. Ein riesiger SS-Mann schlug mit einem Ochsenziemer nach Kommando 25mal auf den Gefesselten. Dieser schrie und brüllte vor Schmerz, und das Blut spritzte nur so umher. Bei den letzten Schläger war er wohl schon ohnmächtig, denn er schrie nicht mehr. Dann wurde er abgeschnallt, es wurde Salz und Pfeffer in die Wunden gestreut, und der Bewußtlose wurde fortgeschleppt. Wir haben ihn nie wiedergesehen...
Nun kamen wir endlich in eine Baracke, die für 75 Personen berechnet war und in welche 300 Personen hineingepreßt wurden. Das war unsere Schlaf- und Speisestätte. Wir mußten nachts auf dem Fußboden schlafen, so eng aneinandergepreßt, daß wir nur seitlich liegen konnten. Viele Kranke waren unter uns, die genauso hart arbeiten mußten wie alle anderen. Kein Arzt konnte geholt werden, keiner durfte nachts die Baracke verlassen. In den ersten drei Wochen starben etwa 25 Personen unseres Blockes. Wie oft kam es vor, daß nachts der Nachbar röchelte und im Todeskampf lag. Keiner konnte ihm helfen, und am Morgen lag man neben einer Leiche.
Wenn wir morgens um 5 Uhr, noch in völliger Dunkelheit, zur Arbeit zogen, sahen wir jedesmal einige tote Männer im Drillichanzug im Stacheldraht hängen. Sie hatten aus Verzweiflung ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt und zogen einen schnellen Tod dem langsamen, qualvollen Ver- enden im Lager vor. Man mußte 12 bis 16 Stunden arbeiten(Straßenbau, in der Fabrik oder im Walde) und bekam erst am Abend einen Teller warmes Essen. Am schlimmsten war die Kälte, gegen die man in der dünnen Unterwäsche und den Drillichanzügen nicht geschützt war. Es war ein strenger Winter, und wir hatten bis 20 Grad Kälte. Erfrierungen von Gliedern waren an der Tagesordnung. Die meisten aber starben an Lungenentzündung. Für die kleinste Kleinigkeit wurden grausame Strafen verhängt. Die beliebteste war das„Torstehen“. Man mußte eine halbe Stunde völlig nackt mit erhobenen Armen vor dem Tor im Schnee stehen. Wer die Arme sinken ließ oder umfiel, wurde solange geprügelt, bis er wieder aufstand oder verendete. Wer es jedoch überstand, hatte mindestens schwere Erfrierungen, meist aber eine tödlich verlaufende Lungen- entzündung davongetragen.
(Weltlinger, Siegmund: Hast Du es schon vergessen? Erlebnisbericht aus der Zeit der Verfolgung. Frankf. a. M. 1954;$. 10 ff.)
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