seinen Weg kreuzte. Das hinderte sie aber nicht, Millionen ins Unglück zu stürzen. Sie sind genau so schuldig wie ihre ausführenden Organe. Wir wissen aus unserer Erfahrung, daß es SS-Totschläger gab, die aus einer Laune heraus oder nach Abkühlung ihrer Mordlust diesem oder jenem Häftling dos Leben schenkten. Macht das ihre Morde ungeschehen? Wir haben erlebt, daß Himmler bei einem Besuch in Sachsenhausen einen Häftling, der zufällig seinen Weg kreuzte, aus dem Lager entließ, weil er hochgewachsen, blond und blaväugig war. Wir lasen damals in der Zeitung, daß Julius Streicher aus dem Lager Dachau einige Häftlinge herausholte, sie zu einer Kaffee- tafel mit ihren Frauen brachte und dann aus der Haft entließ. Sind Streicher und Himmler deshalb unschuldig?
Die heute noch im Amt sitzenden Täter und Mittäter sind eine ernsthafte Be- drohung.
Was macht solch ein führender Mann der Verwaltung, der Justiz, der Polizei, der Wirtschaft, wenn ihm einer aus seiner Kumpanei der Verbrechen gegen- übersteht? Entweder zeigt er sich erkenntlich aus alter Verbundenheit oder er ist aus Furcht vor Entlarvung zu allem bereit, was von ihm gefordert wird. Das Resultat ist das gleiche. Die organisierten Nazis finden immer neue An- satzpunkte für ihr Wirken. Welchen Einfluß sie z.B. bei der Besetzung füh- render Positionen in der Polizei der Bundesrepublik haben, mögen einige Beispiele zeigen, die ich der„Zeit“ vom 8. Juni 1962 entnehme:
„Aus den Unterlagen der nordrhein-westfälischen Bezirksfachabteilung Polizei der Gewerkschaft ‚öffentliche Dienste‘(OTV) geht hervor, daß der Chef, sein Stellvertreter und vier Gruppenleiter der Kölner Krimi- nalpolizei früher den Rang von SS-Sturmbannführern bekleideten. Allein in Nordrhein-Westfalen, so fand die Düsseldorfer OTV-Polizei heraus, sind noch heute zwölf Kripo-Chefs, drei stellvertretende Leite: und fünf Gruppenleiter aus dem Landeskriminalamt im Dienst, die ebenfalls einmal die Uniform eines SS-Sturmbannführers trugen... Bis zum Sommer 1960 waren allein in Nordrhein-Westfalen fünf Kripo- leiter verhaftet worden; wegen Aussageerpressung oder Rechtsbeu- gung die einen, wegen Mordverdacht in einzelnen oder mehreren Fällen die anderen.”
„In der Kriminalpolizeibehörde einer größeren westdeutschen Stadt fanden sich nach und nach die ‚alten Kameraden‘ einer ehemaligen SS- Einsatztruppe— vom Führer bis zum Kraftfahrer— wieder ein.”
In dem Prozeß, der wegen Erschießung von mindestens 162 Juden gegen den Leiter der Gießener Schutzpolizei, Hans Hoffmann, geführt wurde, waren „fast alle der vierzig Zeugen, die in diesem Prozeß auftraten und die zu der Einheit Hoffmanns gehörten, aktive Polizeibeamte.”
Johannes Pradel, einer der Erfinder der fahrbaren Gaskammern, war bis 1960 Leiter der Abteilung Polizei beim Regierungspräsidenten von Hannover. Ich erwähne noch den Siellvertretenden Leiter der Polizei-Inspektion Berlin- Charlottenburg, Polizeirat Graurock, der 1944 als SS-Führer in Dänemark an Verbrechen beteiligt gewesen sein soll. Oder den Leiter des Landeskriminal- amtes von Rheinland-Pfalz, Heuser, dem seine Amtskollegen nach seiner Ver- haftung Blumen ins Gefängnis schickten. Oder die beiden Kriminalinspektoren Konrad Zimmer und Gustav Hein, die früher dem„Einsatzkommando 9° an-


