gewisses Phlegma, das mich oft unduldsam machte, mich aber vor vielen Übereiltheiten bewahrte. Freilich war dieses Phlegma nur eine Schutz- schicht über einem allzu verletzbaren Stolz. Oft sah ich sie in heißem Zorn entflammen, wenn man ihn allzu rauh berührte, oder wenn man mir zu nahe trat.
Und daß sie mich so fest an den Händen hielt, das war ein Glück, denn schon begannen mich Zweifel zu bestürmen, ob es richtig gewesen sei, daß ich auf diese Seite gegangen war. Den ganzen Weg über sprach ich von nichts anderem— er hat mich so lieb und menschlich angesehen— als ob er mir in den Mund legen wollte, daß ich sage— ja, ich bin krank—. Vielleicht ist auf der anderen Seite das Familienlager, und ich wäre dort mit meinem Manne beisammen. Ich sprach so lange davon, daß mir meine Freundin schon ungeduldig antwortete—„nun bist Du schon hier bei uns, kannst es momentan nicht ändern und weißt auch nicht, wozu es gut ist— also belaste Dich nicht mit müßigen Erwä- gungen.“
Mein Brotsack war sehr schwer, und ich konnte ihn kaum schleppen. Die Nacht und die zwei Tage im Viehwagen und ein quälender Durst machten sich bemerkbar. So gingen wir vielleicht eine halbe Stunde oder mehr, flankiert von Feldpolizei, eine trostlose Straße entlang, mit Draht eingezäunt, dahinter Baracken, die von keinem Leben zeugten. Die uns begleitende Feldpolizei waren junge Burschen, scheinbar neu, denn sie hatten noch nicht die routinierte verächtliche Art der anderen. Einige Mädchen unterhielten sich mit ihnen, fragten sie vor allem,„wohin gehen wir, wo sind die anderen“ und dergleichen. Das wurde vorschrifts- mäßig und leichthin beantwortet. Immer noch glaubten wir, in ein Ghetto zu kommen, bis uns einer von der Begleitmannschaft aufmerk- sam machte:„Achtung, immer in der Mitte der Straße bleiben, nicht an den Draht kommen, Lebensgefahr!“. Da wurden schon Zweifel laut, wie: „da geht es schon schärfer zu“, oder„Konzentrationslager“. Die letzte Vermutung wurde entrüstet von den meisten zurückgewiesen. Hie und da fuhren geschlossene Riesenlastkraftwagen an uns vorüber, denen wir überhaupt keine Bedeutung beimaßen. Später erfuhren wir, daß so Men- schen aus dem Lager ins Gas gebracht wurden. Wir waren müde und überwach und versuchten uns vorzustellen, was jetzt kommen und wie dies hier alles aussehen wird. Diese geladene Stille, keine Menschen-
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