das, was mit jedem von uns schon am nächsten Tag geschehen konnte. Wir lebten ausschließlich dem einen gemeinsamen Gedanken: Waffen zu erbeuten! Wir brauchten keine Agi- tatoren, um in uns wütenden Haß gegen den Okkupanten und Verachtung gegen alle passiven und schlappen Elemente im Ghetto zu wecken. Niemand dachte auch nur an seine eigene Rettung, an seine eigene Haut. Und schließlich hätten doch unsere Mädchen bei ihrem arischen Aussehen, mit Hilfe ihrer Beziehungen und dank ihrer vollkommenen Beherr- schung der polnischen Sprache mit Leichtigkeit das Ghetto verlassen und auf der„arischen Seite“ ruhig unterkommen können. Übrigens hatten wir damals ganz einfach keine Zeit, uns in solche Dinge zu vertiefen. Wir arbeiteten von 6 Uhr früh bis spätnachts, füllten ausgebrannte elektrische Glüh- birnen mit einer Mischung von Schwefel und Dynamit. Auf einem von uns ausfindig gemachten Dachboden im Hause Nowolipiestraße 51 richteten wir einen kompletten Betrieb für unsere Bomben ein. Wir lebten nur für unsere Sache und unsere Arbeit. Wir dachten nur an eins: möglichst viele solche Lampen herzustellen, unser Arsenal möglichst gut zu versorgen!
Gerade in diesem Zeitabschnitt ereignete sich folgendes: Eines Tages kletterte der Vater unserer Genossin Halinka Rochman auf den Dachboden. Die Genossen, die vor unserer „Fabrik“ Wache hielten, bemerkten ihn, erlaubten ihm aber, seine Tochter zu besuchen. Wie es sich für einen wohlhaben- den und gesetzten Mann geziemt, bat Herr Rochman mit Tränen in den Augen seine Tochter, nach Hause zurückzu- kehren.„Ich bin allein“, flehte er,„einsam wie ein Einsiedler. Komm zu mir zurück, ich habe genug Geld, um uns beide zu retten und auf der ‚arischen Seite‘ einzurichten.“ Wir sahen, daß Halinka einen schweren und schmerzlichen inneren Kampf ausfocht. Sie rang allein mit sich und litt sehr. Den- noch schlug sie die Bitten ihres Vaters entschieden ab.„Mein
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