VORBEMERKUNGEN?
In der Reihe der Tagebücher, die von der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission herausgegeben wurden, erschien als eines der ersten das Tagebuch Leon Weliczkers. Zum erstenmal hörte der Herausgeber, Dr. Filip Friedmann, von diesem Manuskript durch einen ihm bekannten Rechtsanwalt. Das war Ende Juli 1944, einige Tage, nachdem die Rote Armee Lwöw? befreit hatte. „Die letzten Monate unter der deutschen Okkupation“, erzählte ihm dieser Bekannte,„verbrachte ich in einem Bunker zusammen mit einem jungen Mann, der Unheimliches erlebt hatte und darüber ein Tagebuch schrieb.“ Der Rechtsanwalt versprach, ihn mit diesem Mann in Verbindung zu bringen. Dr. Friedmann berichtet darüber: „Am folgenden Tage meldete sich bei mir ein hochgewachsener Jüngling, in Lumpen gekleidet, halb barfuß, mit der erdfahlen Ge- sichtsfarbe eines Bunkerinsassen. Aber dieser dem Anschein nach arme Kerl war in Wirklichkeit reich und sich seines Reichtums be- wußt. Voll Stolz zeigte er mir seinen Schatz— Notizen über seinen Aufenthalt im Lwöwer Ghetto, im Janowskilager und in der Todes- brigade. ‚Das ist alles, was ich gerettet habe‘, sagte er ganz ein- fach, ‚ich habe es gehütet wie meinen Augapfel.‘ Es waren mehr als zehn dicke, mit ungeübter Hand eng beschriebene Hefte. Zu- nächst hatte Weliczker seine Notizen heimlich im Lager geschrie- ben. Bei seiner Flucht aus der Todesbrigade war es ihm gelungen, die Notizen mitzunehmen. Eine Reihe von Monaten im Bunker sitzend, hatte er sie geordnet und in Form eines Tagebuchs nieder- geschrieben. Nachdem ich die zehn mit Bleistift vollgekritzelten Hefte durch- gelesen hatte, kam ich zu dem Schluß, daß man sie möglichst 1 Die Vorbemerkungen zu den einzelnen Tagebüchern sowie die erklärenden Fuß- noten wurden vom Verlag, zum Teil gekürzt oder ergänzt, aus den polnischen Originalausgaben übernommen. Sie stammen entweder von den Verfassern oder
von den Herausgebern, ihren überlebenden Leidens- und Kampfgefährten. 2 Ehemals Lemberg.
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