Druckschrift 
Im Feuer vergangen : Tagebücher aus dem Ghetto / mit einem Vorwort von Arnold Zweig ; übertragen von Viktor Mika
Entstehung
Einzelbild herunterladen

VORWORT

Immer wieder drängte sich mir, der ich seit fünfzig Jahren die europäische Literatur lesend durchforscht hatte, nach Kennt- nisnahme der fünf Tagebücher dieses Buches die Überzeugung auf, ihr Inhalt und menschliches Gewicht la

sse sich nur ver- gleichen mit jenem schon sechshundert Jahre lang lebendigen 1

literarischen Denkmal, das als Dante AlighierisGöttliche Komödie am Anfang unserer modernen Literatur leuchtet, und zwar mit dessen erstem Teil, der Hölle. Um aber die damalige von der heutigen schriftstellerischen Aussage zu unterscheiden, stellen wir nur nebeneinander die Inschrift über Dantes Höllentor:Laß, wer hier eintritt, alle Hoffnung schwinden! und den schlichten Prosasatz der Gusta Draenger geborene Dawidsohn:Das war es, das einzig wollten wir nicht: uns ergeben.

So also halten wir in Händen Zeugnisse des Widerstands jüdisch-polnischer Jugend gegen die unwahrscheinliche, bis zu ihrem Ende nicht geglaubte fürchterliche Unterwelt, in welche fünf Jahre Alleinherrschaft hitlerisch geleiteter und umgeschulter Mörderheere deutschsprechender Soldateska polnische und ukrainische Stadt- und Landschaften verwan- delt hatte, bis auch hier die Rote Armee rettend einbrach. Man erwäge nun, daß sich all diese Ereignisse in unserer Lebenszeit abspielten, in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, und daß Leidende wie Täter aus Umgebungen kamen, die unsere tägliche Umwelt bilden: aus Straßen gro- ßer oder kleiner Städte mit elektrischem Licht, Wasserleitung und Kanalisation, mit Fußböden aus poliertem Holz in den Häusern, mit großen Fenstern, Telefonen, wärmenden