Druckschrift 
Im Feuer vergangen : Tagebücher aus dem Ghetto / mit einem Vorwort von Arnold Zweig ; übertragen von Viktor Mika
Entstehung
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Kachelöfen oder Zentralheizungen. An modern aufgebaute und geleitete Schulen waren sie gewöhnt, an ebensolche Krankenhäuser, Universitäten. All die Opfer der Barbaren, die in die finsterste Sklaverei der Antike zurückgestürzt wur- den, erweisen sich in ihren Aufzeichnungen als Menschen gleich uns. Wir, aufgewachsen in der Nachbarschaft jener polnischen Grenzbezirke, die den Westen des zaristischen Rußland darstellten, kannten sie als Schulkameraden, als Verkäuferinnen auf unseren Wochenmärkten, als Verwandte unserer Zimmerherren, als Freundinnen unserer Schwestern und Töchter. Innerhalb der zionistischen oder sozialistischen Jugendorganisationen tauchten immer Namen auf wie jene, die dem Leser dieser Tagebücher begegnen. In allen Orten unserer Emigration zwischen Holland und Palästina be- zeichneten sie Menschen unseres alltäglichen Umgangs, Handwerker, Ladenbesitzer, Chauffeure, Ärzte, Funktionäre. Auc in Amerika hatten sich diese Namen kaum verändert, und nicht wenige entstammten der habsburgischen Monar- chie, auf welche ja Städtenamen wie Krakau und Lemberg immer wieder hinweisen, heute Kraköw und Lwöw. Und wenn sich Leon Weliczker schließlich nach Gliwice in Schle- sien begibt, um dort neu aufzuleben, hätte er ebensogut die Stadt Katowice nennen können, in deren Straßen ich als Schüler daheim war.

Wer immer unser Buch aufschlägt, wird wohl mit dem Wun- sche kämpfen müssen, der sich ebenfalls bei Dante findet an diesem Tage nicht weiterzulesen. Mit diesen fünf Berich- ten hält er in der Hand fünf Proben des Abgrunds, über welchem unsere Zivilisation wie eine Brücke schwebt. Sie sind jenen Tiefenloten zu vergleichen, mit denen Natur- forscher Schlamm und Erdproben aus den Meeresgründen heraufholen. Und die Gestalten, die auf solchem Meeres- grunde als Herren umherwandeln, haben samt und sonders menschliche Gesichter, wurden von deutschen Eltern er-