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Im Feuer vergangen : Tagebücher aus dem Ghetto / mit einem Vorwort von Arnold Zweig ; übertragen von Viktor Mika
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her, wo ich mich mit Tadek verabredet hatte. Von einer Intuition geleitet, verließ ich schließlich beunruhigt den ver- abredeten Treffpunkt und begab mich zum Kiosk der Ge- nossin Waserman. Außer sich vor Aufregung teilte sie mir mit, daß Tadek erwischt worden sei und mit ihm zusammen das ganze Bezirkskomitee der Organisation im Ghetto. Am Ende fügte sie bedeutungsvoll hinzu:Lubeckistraße 4, Bialy Michal.

Nach langem gemeinschaftlichem Suchen mit anderen Ge- nossinnen stellten wir schließlich fest, daßLubeckistraße 4 die Deckadresse des unter den PseudonymenBialy Michal, Student,Chemiker bekannten Genossen Michal war, des Stellvertreters des Kommandanten unseres Kampfbundes im Ghetto. Den Kommandanten kannte ich nicht, aber ich wußte, daß er alsCzarny Andrzej auftrat.

Bald begann der tragische Zeitabschnitt in der Geschichte des Ghettos: die erste Liquidierung.

Während der tragischen Tage dieser großen Katastrophe, die so viele prächtige und liebe Genossen aus unseren Reihen riß, bewies unsere Jugend aus demSpartakus, daß sie des Namens dieses großen Anführers des Sklavenaufstandes im alten Rom würdig war. Wir erlagen keiner Panik. Wir waren beherrscht, behielten das Gleichgewicht und waren uns unserer Aufgabe bewußt. Unsere blutjungen, achtzehn- und neunzehnjährigen Mädchen dachten während jener grauen- erregenden Zeit nicht an ihr eigenes Schicksal, sondern spannten alle ihre Kräfte an, um die Verbindungen der Organisation aufrechtzuerhalten, beziehungsweise die geris- senen und unterbrochenen Kontakte wiederherzustellen. Ge- rade in diesem sehr schweren Zeitabschnitt kam die polnische Genossin Gina, die wir von unserer gemeinschaftlichen Ar- beit imSpartakus her kannten, zu uns ins Ghetto. Ich weiß nicht, wie wir den Willen und die Energie aufbrachten, unsere Organisation von neuem aufzubauen. Die Genossin Gina

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