Warschau. Eryk schlief. Mitternacht. Die Spieluhr läutete eine Mazurka, zwölf Schläge. Vor jedem von uns standen Kerzen und Zettel mit aufgeschriebenen Wünschen— jeder durfte drei Wünsche haben. Bei den Mazurkaklängen der Spieluhr verbrannten wir die Zettel und wünschten uns Er- füllung der Wünsche. Auf meinen Zettel hatte ich geschrie- ben: 1. daß alle meine Angehörigen das nächste Jahr erleben mögen, 2. daß es uns die Befreiung bringe, 3. daß die Hitler- pest ein für allemal enden möge.
Der erste Wunsch ging genau umgekehrt in Erfüllung, der zweite erfüllte sich nicht. Das mit Wein begrüßte, mit Un- geduld erwartete neue Jahr 1943 war ein böses, verfluchtes, das schlimmste Jahr.
Das Jahr 1944 begingen wir in einem kleinen Zimmerchen in Sadyba in der Wohnung des Herrn Szato. Meine Schwieger- mutter und ich lagen schon im Bett. Wir deckten uns mit einer dünnen Decke zu, unter der wir froren und unsere durch- gefrorenen Knochen auf keinerlei Weise erwärmen konnten. Das Geld war zu Ende gegangen. Die Wohnung war gekün- digt— wir sahen keinen Ausweg.
Nunmehr waren nur wir zwei übriggeblieben. Im Nachbar- zimmer schlug die Uhr zwölfmal. Wir hörten durch die Wand, wie sich die Familie Szato ein gutes neues Jahr wünschte.
Du nimmst nun deinen Lauf, neues Jahr, aber nicht mehr für mich. Meine schmerzenden Augen sind voll visionärer Lei- densbilder meiner allerliebsten Menschen. Du kommst, neues Jahr. Vielleicht wirst du anderen Menschen die Freiheit bringen, aber mir, mir wirst du wahrscheinlich nichts mehr bringen, denn ich habe keine Möglichkeit und keine Hoff- nung mehr, mich bis ans Ende durchzuschlagen.
Aber plötzlich keimte in mir ein Aufruhr, ein mächtiger Kampfwille, ein Tatendurst: Ich lasse mich nicht unterkrie- gen. Ja, ich, ich habe weder Geld noch gute Ausweise, verliere das Dach über dem Kopf, bin allein, aber ich werde kämpfen.
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