in den Tod geschickt und ich ins Lager. Im Lager befand ich mich bis zum 15. Juni 1943. Vom 15. Juni bis zum 20. No- vember war ich in der Todesbrigade. Am 20. November floh ich aus dieser furchtbaren Brigade und hielt mich bis zum 27. Juli 1944, das heißt bis zur Ankunft der Roten Armee in Lwöw, in einem Versteck auf. Ich gingnunmehr frei in die Öffentlichkeit hinaus. Aber gerade jetzt empfand ich mein Unglück in vollem Umfang. Ich wußte nicht, wohin ich gehen sollte, ich hatte niemanden auf der Welt, ich kannte niemanden, ich hatte keinen Groschen bei mir. Ich konnte nicht einmal auf den Beinen stehen, weil ich dadurch, daß ich acht Monate lang in einem feuchten Ver- steck sitzen mußte und mich nicht bewegen konnte, Muskel- schwäche bekommen hatte. Nachdem ich den ganzen Tag in den Straßen der Stadt umhergeirrt war, entschloß ich mich endlich, in unsere Wohnung zu gehen, in der wir bis 1942 gewohnt hatten. Ich begab mich dorthin. In unserem Haus befand sich jetzt ein Schuhmacher, ein Pole, der vor dem Kriege unserem Hause gegenüber gewohnt hatte. Er überließ mir ein Zimmer. Ich war zwei Tage lang in dieser Wohnung. Ich konnte es dort nicht länger aushalten, weil ich ständig das Bild meiner Tragödie vor Augen hatte. Ich hatte nun keine Wohnung und schlief daher einige Nächte hindurch auf den Treppen verschiedener Häuser, bis ich schließlich mit einem jüdischen Burschen aus Charkow bekannt wurde und wir zusammen eine Wohnung im Stadtzentrum miete- ten. Von dieser Zeit an beschloß ich, niemals mehr in den Stadtbezirk zu gehen, in dem ich mit meinen Eltern gewohnt hatte. Es wäre für mich allzu schmerzlich gewesen. Einige Tage später begann ich als Buchhalter in der Aufbau- verwaltung der Lwöwer Eisenbahnwerkstätten zu arbeiten. Im August 1945 verließ ich als polnischer Rückwanderer Lwöw und siedelte nach Schlesien über, in die Stadt Gliwice. Leon Weliczker
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