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Im Feuer vergangen : Tagebücher aus dem Ghetto / mit einem Vorwort von Arnold Zweig ; übertragen von Viktor Mika
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war ich in Wolyf. Im Dezember desselben Jahres erfuhr ich, daß meine Mutter und vier Schwestern getötet worden waren. Ich sagte mir: Was mit meinem Vater und meinen zwei Brüdern geschieht, soll auch mit mir geschehen. Ich kehrte nach Lwöw zurück.

In Lwöw bestand nun schon ein Ghetto. Ich kannte die Adresse der Meinen nicht. An diesem Tage fand auch eine Lageraktion statt, und ich wurde sofort ins Lager mitge- nommen. Im Lager war ich nur einen Tag und entkam wieder. Ich trieb mich im Ghetto umher und sah von weitem, wie jemand daherlief, als wäre es der Schatten meines Bruders. Ich sprang zu ihm hin. Es war mein jüngster Bruder. Er führte mich nach Hause. Der Vater war schon seit vier Wochen verschollen, ich war mit meinen Brüdern allein übriggeblieben, von denen der eine zwölf und der andere vierzehn Jahre zählte. Im Ghetto wurde eine Aktion nach der anderen durchgeführt; eine Arbeitsbescheinigung kostete Tau- sende, und ich dankte schon Gott, wenn ich durch Holzhacken oder durch eine andere Arbeit wenigstens ein paar Groschen verdienen konnte, um Geld zu einem Stück trockenen Brots für mich und meine Brüder zu haben. Schließlich erhielt ich ganz unentgeltlich eine Arbeitsbescheinigung. Meine Brüder bekamen Typhus und die rote Ruhr; ich versteckte meine Brüder, denn wer im Ghetto typhuskrank war, wurde ins Krankenhaus gebracht und von dort aus nackt zum Erschießen abtransportiert. Auch nach ihrer Gesundung hielt ich die Brüder bis zur Liquidierung des Ghettos verborgen, weil alle, die nicht arbeiteten, erschossen wurden, sogar Kinder. Bei der Liquidierung des Ghettos wurde ich samt meinen beiden Brü- dern und allen anderen Juden auf die Piaski mitgenommen. Das war am 3. Juni 1943. Ein Bruder wurde beim Fluchtver- such an der Umzäunung des Platzes, auf dem wir versammelt waren, erschossen. Ich meldete mich in den Tod mit dem anderen Bruder, aber man trennte mich von ihm. Er wurde

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