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Im Feuer vergangen : Tagebücher aus dem Ghetto / mit einem Vorwort von Arnold Zweig ; übertragen von Viktor Mika
Entstehung
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MEIN LEBENSLAUF

Ich wurde am 10. März 1925 in Stojanöw in der Wojewod- schaft Lwöw geboren. Im Jahre 1931 meldeten mich meine Eltern zur Schule an, 1933 siedelten wir nach Lwöw über, wo ich die Schule weiterbesuchte, 1938 beendete ich die siebenklassige Volksschule und trat dann ins Handels- gymnasium ein. Nach dem Einmarsch der Roten Armee in Lwöw besuchte ich diese Schule weiter. Im Jahre 1940 wech- selte ich in die allgemeinbildende Schule über und machte die Aufnahmeprüfung für das Polytechnikum. Der Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges unterbrach mein Studium. Nach dem Einmarsch der Deutschen in Lwöw wurde ich am 2. Juli verhaftet. Drei Tage lang war ich im Gefängnis ohne Essen, sogar ohne einen Tropfen Wasser. Man hatte mich furchtbar geschlagen, wahrscheinlich ebenso wie die 5000 Juden, die zusammen mit mir saßen. Am Freitag, dem 4. Juli, wurde die Mehrzahl der Verhafteten erschossen, und ich und noch einige andere entflohen abends. Am Sonnabend, dem 5. Juli, lag ich halbtot zu Hause versteckt. Als am Sonntag, dem 6. Juli, in unserem Hause eine Kontrolle durchgeführt wurde, fanden mich die Ukrainer und nahmen mich zur Zolkiewska-Maut zur Arbeit mit. Wir waren dort hundert Mann. Achtundachtzig starben durch Martern an Ort und Stelle, und zwölf kamen nach Hause zurück. Wir waren halbtot. Einer führte den anderen unter dem Arm. An diesem Tage, an dem die Mehrzahl der Juden von diesen schrecklichen Dingen noch nichts wußte und ich noch alle Familienangehörigen hatte, war mein Wunsch, daß man mich ohne Quälerei erschießen möchte.

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