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Im Feuer vergangen : Tagebücher aus dem Ghetto / mit einem Vorwort von Arnold Zweig ; übertragen von Viktor Mika
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Leichen häßlich. Und wann hast du es denn gelernt, daß es sich nicht gehört, über Leichen häßlich zu sprechen? dachte ich. Ein andermal sprach er von einem bestimmten, aus der Todesbrigade

mit dem Leben davongekommenen Schurken, der den Kameraden

Ye im Lager hart zugesetzt hatte, sie ‚verphff, marterte, dem Tode

auslieferte und voll und ganz den Strick verdiente, wenn er jetzt

gegen ihn bei der Behörde Anzeige erstatten würde. Weliczker war - ihm in der Freiheit begegnet und hatte dennoch keine Anzeige erstattet.

‚Ich durfte es nicht tun, erklärte er im Gespräch mit mir. ‚Er hat

eine Frau und zwei Kinder... Den gleichen Skrupel äußerte ein

ehemaliger Häftling aus Treblinka in bezug auf einen Forsthüter, der viele aus Treblinka Geflüchtete auf dem Gewissen hatte, die von ihm beraubt und den Deutschen ausgeliefert worden waren.

Das ist abgesehen von der Problematik dieses Falles ein

n; typisch jüdischer ethischer Skrupel.

In der Zeit des Chaos und der Niedertracht pflegt Weliczker in seiner Einstellung zu den Menschen die Grundsätze der jüdischen Volksethik als größte Lebensklugheit und persönliche Würde. Zu- neigung zu den Eltern, Pflichten gegen seine jüngeren Brüder, gegen kranke Kameraden, mitleidsvolle Betrachtung über die Qua-

ae: len der Opfer von Massenhinrichtungen, deren Zeuge der Ver-

fasser war, sprechen aus den Blättern seines Tagebuchs mit der unverfälschten Sprache eines redlichen Herzens und edler sozialer

Instinkte.

Viele seiner naiven Betrachtungen, die dieses Thema berühren,

mußte ich streichen. Andere beließ ich in ihrer ursprünglichen un-

beholfenen Form, damit sie von der erhabenen moralischen Hal- tung eines jungen Juden zeugten, die sein wertvollstes, vor der

Vernichtung gerettetes Erbe und Eigentum ausmachen.

Wie viele solcher zugrunde gerichteter und zerstörter Schätze blie-

ben unwiederbringlich in den Massengräbern, in denen Millionen

versanken!

Bei der Bearbeitung des ursprünglichen Textes mußte ich in Welicz-

pen kers Tagebuch manches fortlassen. Im Auge behaltend, daß es

neben anderen Aufgaben auch die einer lesbaren Lektüre erfüllen

r die soll, war ich zu zahlreichen Änderungen gezwungen. Sie beruhten

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