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Im Feuer vergangen : Tagebücher aus dem Ghetto / mit einem Vorwort von Arnold Zweig ; übertragen von Viktor Mika
Entstehung
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Daher die große dokumentarische Bedeutung dieser Arbeit sowohl für die zeitgenössische Generation, die Zeuge und Gegenstand der Anfänge der nazistischen ‚Neuordnung war, wie auch für das Ge- richt der Historie, die das Urteil über die Haupttäter und Schul- digen dieses in der Menschheitsgeschichte größten Verbrechens fällen wird.

Wir übergeben das Wort Rachela Auerbach, die das Tagebuch in die hier vorliegende Form brachte:

Eine der Hauptplagen der deutschen Lager, die als Haupt- oder Nebenziel die Vernichtung der Juden hatten, waren die soge- nannten Selektionen.

Immer wartete in der Nähe des Lagers auf die Juden diese oder jene technisch vervollkommnete oder primitive, unauffällig ge- tarnte Hinrichtungsstätte. Immer wartete dieses oder jenes offene Massengrab. Über diesem Grab schüttelte die SS ein Sieb mit immer größeren Maschen aus, so daß in diesem Sieb immer weniger Menschensubstanz verblieb, bis schließlich unfehlbar der mit untrüglichem Pessimismus erwartete Tag der endgültigen ‚Liquidierung kam und das ganze Sieb einfach umgekippt wurde. Außer den wenigen Menschen, denen es gelungen war, auf der ‚arischen Seite in der Illegalität unterzutauchen, blieb aus dem Ghetto oder aus dem Lager nichts übrig.

Entscheidend dafür, sich längere Zeit auf dem Boden des Selektions- siebes zu halten und nicht durch seine Maschen hindurchzufallen, waren angeblich und gewissermaßen offiziell Jugend, Gesundheit und Arbeitsfähigkeit wie auch gewisse für die Wirtschaft brauch- bare oder den Kriegszwecken der Deutschen dienliche Fachkennt- nisse. Alles das hatte tatsächlich manchmal Erfolg, aber nur für eine bestimmte Zeit, solange nämlich der Organismus nicht durch Unterernährung und Raubbau an seiner Arbeitskraft zerstört war. Ein inoffizieller Faktor, sih am Leben zu erhalten, waren Geld oder andere Werte. Sie dienten als Lösegeld für verschiedene Machthaber und Mittelsmänner, die Beschäftigung und immer wieder neue Stempel und ‚Nummern deutscher Arbeitsplätze be- sorgten, oder waren das Mittel, sich die zur Ergänzung der Hunger- rationen unerläßlichen, ins Lager eingeschmuggelten Lebensmittel

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