Druckschrift 
Im Feuer vergangen : Tagebücher aus dem Ghetto / mit einem Vorwort von Arnold Zweig ; übertragen von Viktor Mika
Entstehung
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1920, seelisch schwer angeschlagen aus dem Weltkrieg heim- kommend, vorhergesagt, wir würden noch erleben, daß nach weiteren zwanzig Jahren alle Greuel aller kolonialen Systeme überboten würden von einer Epoche der Verbrechen, wie sie noch nie dagewesen, und zwar von Deutschen ausgeübt an Europäern wir hätten nicht uns für verrückt gehalten, sondern den, der einen solchen Auswurf unmenschlichen Ge- redes in Worte zu fassen wagte. Noch schlimmer als alle Kolonialkriege? Hatten es nicht Engländer fertiggebracht, Söhne des alten Kulturvolks der Inder vor die Kanonen zu binden und in die Luft zu schießen, so daß ihre Körper keiner Wiedergeburt mehr fähig wären? Und da gäbe es, von Deutschen vollbracht, noch schlimmere Greuel wahr- heitsgemäß zu berichten? Nun, Leser, öffne diese Buch- seiten, vertiefe dich in das, was darin berichtet wird, nicht von Zeiten des Caligula oder Domitian, sondern gewisser Hitler und Himmler, und du mußt erfahren, daß du noch keinen Begriff hattest von den Tiefen, welche auszuloten die moderne Seele verlangt. Allerdings auch nicht von den Höhen, die Geist und Mut von tausend Unbekannten, nie- mals mit Namen zu Nennenden erreichte im Widerstand gegen die Bestie Mensch Bestie, wenn Angehörige anderer Schichten als sie selbst die Vorrechte anzutasten wagen, die sich, vererbt oder gewalttätig erworben, die Handhaber der Waffen und Maschinen aneigneten..

Ein Sachverhalt nur muß erklärt werden, bevor wir dieses uns abgeforderte Vorwort schließen: die Feindschaft der nichtjüdischen und nichtpolnischen Bevölkerungsteile Ost- galiziens gegen ihre jüdischen Mitbürger. Was wir bei Gogol imTaras Bulba lesen und als Studenten auf habsburgi- schen Universitäten praktiziert fanden, war die Unter- drückung jenesRuthenen genannten Volksteiles in der österreichischen Provinz Ostgalizien. Diese Menschen, Ukrainer, wurden von der polnischen wie von der deutschen