Oberschicht aufs härteste ausgebeutet und ihrer geistigen und politischen Entfaltung beraubt— immer unter Mithilfe von Juden als Werkzeugen aller öffentlichen Einrichtungen. Kein Wunder, daß diese„Kleinrussen“ sich zunächst einmal an den Juden rächten, als die deutsche Okkupation sie dazu anregte und dafür mit Brotkarten belohnte. Ohne echte sozialistische völkerverbindende Gesinnung gestaltet sich eben überall auf der Erde das Zusammenleben von Menschen ver- schiedener Abkunft schwierig; jede Tyrannei kann sich auf diese Spannungen stützen und sie bis zum Mord steigern. Hinter einem wissenschaftlichen Wort wie Differenzaffekt verbirgt sich jenes Dynamit, das sich zusammenbraut aus ökonomischen Bestandteilen der Gesellschaft und psychischen der menschlichen Natur. Und dennoch bleiben wir bei der Überzeugung, daß sich im Laufe der Menschheitsgeschichte unser Wesen als homo sapiens wirklich verfeinert und ver- bessert hat und daß ein Rücksturz wie der faschistische uns wachzurütteln hat für die Aufgabe, an dieser Natur und dieser Gesellschaft aufs intensivste weiterzuformen. Ein merkwürdiger Zufall will, daß der Verfasser diese Sätze diktiert in jenen herrlichen Tagen des scheidenden Sommers, wo sich die Einweihung des die Zeiten überdauernden Buchenwald-Mahnmals kreuzt mit der Feier des jüdischen Neujahrs 5719 und gewisser revanchistischer Kundgebungen in der Bundesrepublik und Westberlin. Unter den 21 Fahnen der Völker, welche sich auf dem Ettersberg zusammenfanden, um das unauslöschliche Gedenken der Helden und Märtyrer mit dem Kampfruf gegen die Wiederkehr der Barbarei zu verbinden, fehlte die Fahne mit dem uralten Emblem des Davidsterns, welches die jüdischen Opfer des faschistischen Terrors vertreten hätte. Hier, in diesem Buche, ist sie neben der roten gehißt.
Arnold Zweig Berlin, 15. September 1958


