Gegen sechs Uhr wurden wir aus den Zellen geholt und in einem end- los langen Zug in vierer Reihen im Hof aufgestellt. Außer unseren Feldgeschirren durften wir nur mitnehmen, was wir auf dem Leibe trugen. Zur Ausfolgung unseres Eigentums blieb keine Zeit mehr. Wir mußten im Zuchthausgewand und Holzschuhen den auf vier Tage berechneten Marsch nach Dachau antreten. Eine Fesselung unterblieb, da für 2800 Mann nicht genügend Handschellen vorhanden waren. Auf einem von zwei Pferden gezogenen Wagen wurde der Proviant, be- stehend aus Brot und geräuchertem Pferdefleisch, nachgefahren. Um einhalb acht Uhr verließ der etwa zwei Kilometer lange Zug das Haus auf der in Richtung Landshut führenden Straße.
Es war ein herrlicher Frühlingstag, die Sonne schien, milde Wärme spendend, auf uns herab; die Bäume begannen gerade die ersten grü- nen Knospen zu entfalten. Die Konturen des Bayrischen Waldes säum- ten im Osten den seidig-blauen Morgenhimmel. In den Dörfern blühte da und dort ein Fliederbusch oder ein Obstbaum am Spalier einer windgeschützten Wand. Das Wandern hätte ein Genuß sein können, wenn die Verhältnisse einigermaßen angenehmere gewesen wären. Ich ließ mir im Anfang auch die Freude an diesem herrlichen Morgen in der freien Natur nach einem so langen Eingesperrtsein nicht rauben, aber allmählich wurde sie von den Beschwerden des Marsches immer stärker überschattet. Wir alle waren des‘ Gehens völlig entwöhnt, durch die Unterernährung geschwächt und am schmerzhaftesten waren die harten, für einen langen Marsch völlig ungeeigneten Holzschuhe. Wir konnten es nach einigen Stunden fast nicht mehr aushalten und schleiften die Füße mühsam am Boden her, ohne sie zu heben.
Etwa um zehn Uhr erschienen feindliche Flieger am Horizont; die Bauern am Feld verließen ihre Gespanne, suchten im Straßengraben Deckung und die Dorfbewohner flüchteten in ihre Häuser. Nur wir wanderten unbekümmert weiter, als ginge uns die ganze Sache nichts an, in der Tat hatten wir auch nichts zu fürchten. Einer der Flieger flog bis auf wenige Meter zu uns herab, um sich Klarheit über unseren Zug zu verschaffen. Nachdem wir erkannt worden waren, blieben wir
vollkommen unbehelligt. Dafür wurden wir Zeuge eines kurzen Luft-
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