ZEHNTES KAPITEL
Noch einmal kam alles anders! Früh vier Uhr, als es noch völlig finster war, läutete gellend die Alarmglocke durch das ganze Haus. Es war Dienstag, der 24. April, der Tag des heiligen Georg, des Patrons aller Reiter und Reisenden, dessen Denkmünzen stets den Wahlspruch tragen:„in tempestate securitas‘ oder:„In Gott ist Rat und Tat!“ Diese Medaille hatte in meiner Familie stets eine besondere Bedeutung besessen. Meine Mutter hatte eine ganze Sammlung von solchen Georgstalern angelegt und ihr Münzkasten barg wertvolle Stücke aus Silber und Gold. Die Tante Klara hatte eine solche in alter Fassung als Brosche getragen und meine Mutter pflegte stets eine im Geldtäschchen mit sich zu führen. Die nämliche war es auch, die ich nach ihrem Tod an mich nahm und, von der ich mich nie trennte. So- gar im Zuchthaus brachte ich es fertig, sie überall durchzuschmuggeln. In Neudeck war das keine Kunst, aber in Brandenburg, wo wir nackt ausgezogen wurden, gelang dies nur, indem ich sie in die Schmolle einer Brotscheibe des nicht voll aufgezehrten Reiseproviants hinein- preßte und auf diese Weise in die Zelle brachte. In Straubing verfuhr ich ebenso!
An jenem verhängnisvollen Dienstagmorgen, als wir noch keine Ahnung hatten, was das aufgeregte Hin- und Hergerenne auf den Gängen be- deuten sollte, dachte ich allerdings nicht im entferntesten an meine Weihemünze; denn ich wußte noch richt, daß ich gerade am Feste des heiligen Georg eine so schicksalschwere Reise würde antreten müssen. Als dann die Zelle geöffnet wurde und die Kostträger das Frühstück brachten, sickerte die Nachricht durch, daß während der Nacht eine Weisung aus München eingetroffen sei, wonach das ganze Zuchthaus
geräumt und die Häftlinge nach Dachau transportiert werden müßten.
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