Druckschrift 
Im Zeichen des Ungeistes / Rudolf Kriss
Seite
63
Einzelbild herunterladen

Mitte Mai war ich so gut herausgefüttert, daß sich mit dem besten . Willen kein Grund mehr finden ließ, mich länger in Stadelheim zu- rückzuhalten! Ha. nahm rührend Abschied, wünschte mir alles Gute und Kamerad Baader trauerte ehrlich um den Verlust seines Kolle- gen. Auch mir wurde das Scheiden nicht leicht, doch tröstete es mich, daß man mich in Neudeck freundlich wie einen alten Bekannten auf- nahm. Ich erhielt sofort wiederum eine Kavalierszelle, diesmal Nr. 61 im ersten Stock, da im zweiten alle besetzt waren. Zuerst wurde ich Papier-Oberhausl, d. h. ich mußte die übrigen Papierarbeiter beauf- sichtigen, Versandadressen schreiben und Listen führen. Die Tinten- zelle war inzwischen anderweitig besetzt worden. Mein neues Amt war insofern recht praktisch, da ich im ganzen Haus und allen Stockwerken frei herumlaufen konnte. Als dann nach einigen Wochen ein anderer Gefangener, der dieses Amt vor mir innehatte, wieder zurückkehrte, da er wegen Diebstahls neuerdings verhaftet worden war, übernahm jener sein altes Amt wieder und ich wurde zum Bibliothekar oder Bücherhausel befördert, wie man sich in der Gefängnissprache aus- drückte. Im Gegensatz zu früher verwaltete ich dieses Amt sogar hauptamtlich, d. h. ohne jede andere Nebenbeschäftigung. Da mich diese Arbeit höchstens drei Stunden im Tag ausfüllte, hatte ich ein schönes Leben. Ich schmökerte in den Büchern herum, empfing den Besuch anderer Gefangener und jeden Nachmittag, an dem die Sonne schien, setzte ich mich mit Erlaubnis des Herrn Verwalters ein bis zwei Stunden lang ins Freie und ließ mich bräunen.

Je weiter die Russen im Osten und die Amis im Westen vorrückten, desto ungezwungener wurde das Leben in Neudeck. Anfangs war ich nur der Kriß, nach der Offensive im Osten der Herr Kriß und als auch Frankreich im Sturm erobert worden war, sprachen mich die Wärter nur noch mit Herr Doktor an. Die Zustände wurden, wie ich mich-im Gedanken an die bekannte Operette auszudrücken pflegte, allmählich fledermausartig. Die Wachtmeister buhlten förmlich um die Gunst von uns politischen Gefangenen. So oft ich allein in der Bücherei saß, erschien immer wieder ein anderer und suchte mir zu beweisen,

daß er nie ein gläubiger Nazi gewesen sei und daß man nun doch sehe,

63