Druckschrift 
Im Zeichen des Ungeistes / Rudolf Kriss
Seite
55
Einzelbild herunterladen

nn

wi

B $ F a 2

den mußte und acht Tage nach der Befreiung, trotzdem man sich alle Mühe mit ihm gab, gestorben ist als ein Martyrer seiner Über- zeugung.

Die übrigen Kameraden waren weniger markante Figuren. Ein recht

gemischter Charakter war der ehemalige Kaufmann X. Er kam einen

“Tag später wie ich nach Neudeck, blieb dort bis zu seiner Befreiung

durch die Amerikaner, und war als psychologischer Typus recht be- achtenwert. Er besaß einen skrupellosen Geltungsdrang und um sich durchzusetzen war ihm jedes Mittel recht. Der Abstammung nach Halbjude, traten doch die typisch semitischen Eigenschaften leider mehr nach der unangenehmen Seite vorwiegend in Erscheinung. So- lange er noch ein kleiner Mann war und in der Zelle saß, war er die Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit selbst. Des Abends, wenn sich nach dem sogenannten Einschluß die Wärter entfernt hatten, führten wir von Zellentür zu Zellentür oft lange Gespräche. Dabei

stellte sich heraus, daß X. sehr musikalisch war und über eine schöne

Baritonstimme verfügte. Er sang uns fast jeden Abend Lieder oder

Arien vor. Es war dies in der Zeit des beginnenden Frühlings und diese Periode war eigentlich die schönste; damals stand ich ihm auch am nächsten. Wir, d. h. Geyr auf der einen und ich auf der anderen Seite, machten für jeden Abend die Programme: ,Mozart- und Schubert- Lieder, dazu Verdi-Arien kamen auf den Wunschzettel und X. sang gern und mit Ausdauer.

Er verstand es auch glänzend mit den Wachtmeistern und dem Ver- walter umzugehen, so lange, bis er aus der Zelle herauskam. Aber in dem Augenblick, als er festen Boden unter den Füßen spürte, nahm sein Geltungstrieb unerträgliche Formen an. Er wollte stets die erste Geige spielen und suchte es auf jede Weise zu verhindern, daß die anderen Gefangenen, besonders die sogenannten Herren, unterein- ander in nähere Fühlung kamen. Er wollte uns ständig durch Tratschereien gegeneinander einnehmen und als ihm dies nicht gelang, nahm er mitunter fast eine feindselige Haltung ein. Als er spürte, daß er sich dadurch nur selbst isolierte, zog er wieder andere Saiten auf, wurde übertrieben freundlich und versuchte durch romanhafte Erzäh-

59